Antonin Artaud, französischer Schauspieler, Dramatiker, Regisseur und Zeichner wurde 1896 geboren, verstarb 1948 wird als einer der Urväter der Performance Kunst bezeichnet, war Mitglied der Bewegung des Surrealismus , hat an der Sorbonne einen viel beachteten Vortrag gegen die Psychiatrie gehalten, wurde viel von Derrida bewundert und hat seinen legendären Text anlässlich einer Ausstellung im Musée de l'Orangerie 1947 geschrieben, wobei er sich bei seiner Annäherung an den Menschen und Künstler Vincent van Gogh seiner Leiden Erfahrung in der Psychiatrie als Stätte des gnadenlosen Terrors erinnerte und van Gogh im martyrologischen Stammbaum (Martyrologium = Verzeichnis der Märtyrer und anderer Heiliger) eine königliche Rolle einnehmen lässt und ihm das zurückgibt was ihm eine ignorante Gesellschaft nahm. Artaud, der weder leicht gelebt noch geschrieben hat, erfindet mit seinen Pinselstrichen, die er mit jedem Komma neu setzt und die er Vokalen wie A, O oder I gleichsetzt und zu Papier bringt, eine Sprache, die mit der Genauigkeit einer Bild beschreibenden Metapher, die durch die Pinselhaare entstandenen Bilder van Goghs spiegelt , sich so vermischt und schließlich in dem Buch artifiziell ankommt. So nähert er sich diesem Künstler mit dem Mittel der sensiblen Einfühlung und setzt dem Maler, der als Wahnsinniger galt und den die Gesellschaft deshalb nicht sehen wollte, posthum ein aufrichtiges "Denkmal".
Es geht ihm um das gnadenlose Ernstnehmen von Kunst wenn er sagt:"Keine Hungersnot, keine Epidemie, kein Vulkanausbruch, kein Erdbeben, kein Krieg kann dem neurotischen Schicksal der Dinge den Hals umdrehen, wie ein Gemälde van Goghs es vermag." Mit diesen Worten unterstreicht Artaud den glasscherbenscharfen Gegensatz zwischen einem wahren künstlerischen Genius seines Fachs und dem unexzellenten Torso der Welt und will deutlich machen, dass sich diese gegensätzlichen Pole wie eine Blutrache geistig und körperlich wechselseitig verachten, bespitzeln, blessieren, verwirren, wobei der scheinbar unterlegene Künstler, der wie van Gogh von Ärzten, Psychiatern, seinem Bruder und der Gesellschaft in den Selbstmord getrieben wurde, als der eigentliche Sieger aus dem Wettstreit hervorgeht. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass es sich bei dem finalen Schuss um einen "Hilfeschrei" ohne wirkliche Tötungsabsicht handelte. Würde das an dem uneingeschränkten Ernstnehmen der Kunst bei Artaud zu einer Meinungsänderung führen? Wohl nicht.
Artaud findet die passenden Worte für die Beben und Gefahren, die von genialer Kunst ausgehen können und macht es dadurch möglich, dass die Verrücktheit des Malers nur nihilistische Merkmale aufweist. Ist es also wirklich möglich, nach der Lektüre dieses Buches vor den Bildern van Goghs zu stehen, und ein ebensolches erschüttertes Beben im Kopf zu empfinden wie einst Artaud?
Ein Versuch ist es allemal wert. Ein tiefgründiges und intelligentes Buch.