LPL Records, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, den Horror Hörbüchern zu ungeahnten Qualitätssprüngen zu helfen, haben in Zusammenarbeit mit H.R. Giger, ja, richtig gelesen, mit DEM H.R. Giger, eine neue Reihe ins Leben oder vielmehr ins untote Leben gerufen, die sich dem Vampir widmet.
Den Auftakt dieses lobenswerten Projekts macht kein geringerer als Thomas Ligotti - eine Entscheidung, die sicherlich überrascht, aber wegweisend für die kommenden Publikationen ist. Ligotti, der in seinem Heimatland, den USA, zwar einen beachtlichen Fankreis hat, aber nicht einmal dort von seiner Kunst leben kann, ist in Deutschland nach wie vor ein Geheimtipp für die Freunde der Nacht. Man sagt über ihn, dass er wohl der europäischste aller amerikanischen Schriftsteller ist, eine Umschreibung, mit der man wenig anfangen kann - bis man ihn gelesen, oder, wie in dem vorliegendem Fall, gehört hat.
Ligotti, das habe ich schon einmal gesagt und ich sage es wieder, ist einfach anders. In seiner vertonten Geschichte „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts" geht es um einen jungen Mann, der aus dem Chaos und den mehr als merkwürdigen Umständen seiner Geburt in Frankreich in die USA geflohen ist und dort, dank seines nicht unbeträchtlichen Erbens, ein angenehmes Leben mit seiner Nenn-Tante und Erziehungsberechtigten führt.
Was an den Umständen seiner Geburt so merkwürdig war? Man munkelt, dass sich seine Mutter, nachdem sie vom Vater des Jungen geschwängert wurde, mit Dämonen eingelassen hat und sich schließlich, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, selbst in eine Kreatur der Nacht verwandelt hätte. Die Frage, die sich nun aufdrängt, ist natürlich die, was für ein Kind man aus dem sterbenden Leib eines Vampirs schneidet?
Doch im Amerika der Gegenwart ist der Glaube an wandelnde Untote nicht mehr und nicht weniger als ein verstaubter Anachronismus, Kinounterhaltung, eine gruselige Geschichte zum Schlafengehen ... oder? Die liebe französische Verwandtschaft will sich jedenfalls lieber selbst überzeugen kommen.
Ligottis Geschichte ist für Liebhaber der verlorengegangen geglaubten Kunst des unkomerziellen Horrors. Ligotti ist nicht King, seine Geschichten und Bücher werden niemals auf den Bestseller Listen auftauchen, denn seine Literatur ist viel zu vergeistigt und schwer. Das er auch ganz anders kann und seine melancholische Lebenssicht auch in Splatterorgien einkleiden kann, beweist er mit vorliegender Kurzgeschichte. Virtuos spielt er mit den verschiedensten Elementen des Horrors und verwebt Traditionelles, mit viel Spannung und ein bisserl Gore.
Die Wahl der Geschichte beweist Mut, denn geringere Reihen hätten ihre neue Serie doch sicherlich mit einer Sicherheitsgeschichte eröffnet, bekannte Namen und bekannte Geschichten gewählt. Mit Ligotti setzen LPL und Giger stattdessen auf Qualität - bravo.
Die zweite Geschichte aus der Feder von Horacio Quiroga handelt von einem jungen Ehepaar, dessen Glück nicht lange vorhält: Bald schon wird sie blass und blässer, bettlägerig und all ihr Geld nützt nichts ... „Das Federkissen", so der Titel der short Shortstory, ist eine Geschichte, die hinter Ligottis kleinem Meisterwerk doch merklich zurückfällt. Für meinen Geschmack wird die Mär ein wenig zu distanziert erzählt, verblüfft durch eine überraschende Auflösung aber durchaus. In ihrer Kürze fällt sie eher angenehm auf, nicht, weil es eine schlechte Geschichte ist, sondern weil sie als Gedankenexperiment oder Fingerspiel einer richtigen Vampirgeschichte ohnehin nicht hätte länger sein dürfen.
Beide Geschichten werden in gewohnt souveräner Qualität von Lutz Riedel vorgetragen. Wie schon in den anderen Hörbuchproduktionen von LPL fällt die fast unheimliche Art und Weise auf, mit der er jeden Aspekt des Horrors in den Geschichten aufspürt und stimmlich umsetzt. In einem Moment ist er ganz Erzähler, dann scheint er sich angewidert abzuwenden, angesichts des Grauens, schüttelt sich selber halb wahnsinnig oder fürchtet sich mit dem Leser.
Die persönlichen Einführungen von Giger, in denen er erzählt, warum er sich für die beiden Geschichten entschieden hat, waren einer der Hauptgründe, sich auf die CD zu freuen. Angesichts seiner ebenso brillanten, wie morbiden Kunst mag es vielleicht weniger überraschend sein, dass seine Worte wenig erhellend sind und werfen zudem die Frage auf, ob ein professionell verfasster Eingangstext nicht die bessere Wahl gewesen wäre. Nicht, dass man jemandem einen Vorwurf daraus machen müsste, dass er „nur" ein genialer Künstler, nicht aber auch noch ein guter Texter & Sprecher ist, aber man muss sich den Tatsachen stellen ...
Auch die Coverart der CD Reihe ist Geschmackssache und ich persönlich ziehe die schlichteren Designs der Lovecraft Vertonungen eindeutig vor.
Dennoch ist „Die verloren geglaubte Kunst des Zwielichts" ein fulminanter Auftakt, der jedem Freund gruseliger Hörbücher nur wärmstens zu empfehlen ist. Gigers Auswahl von Texten, dass beweisen die bereits vorliegenden Folgebände, sind absolut geschmackssicher und eine höchst angenehme Mischung aus Klassikern und neuem Material. Hoffentlich eine Reihe, die über Teil vier hinaus Betsand haben wird.