Es ist ein großes Vergnügen, dieses Buch zu lesen. Wen würden denn Pilgrims Erzählungen von seiner "Zapf-Odyssee" nicht ansprechen, wer nicht sogleich mit einem "das kenne ich!" ausbrechen, wenn, ja wenn er nicht selbst einer dieser Zapfer und Engergiesauger ist, denen der 1942 geborene deutsche Männer-Schriftsteller auf der Spur ist. Lesen Sie hier, wie Sie "Ihren" Vampir identifizieren und ihn zur Strecke bringen können, und weshalb soviele Frauen zu den Ausgesogenen, zum Teil auch willig Energie Spendenden gehören.
Ein großes Buch der Körper-Wahrnehmung, desse Lektüre eigentlich eine Voraussetzung jedes Sozialkontakts bildet. Denn die Vampire sind unter uns: Vorgesetzte, die sich an der Aura ihrer ängstlichen Untergebenen gütlich tun, Lehrer, die gierig am "frischen" Chi ihrer SchülerInnen teilhaben, Ehemänner, die sich abends und vor allem nachts für die erlittenen Zapfungen bei ihrer Anvertrauten schadlos halten.
Nachts, ja denn nachts ist ja die Zeit der Vampire. Hier, im Schlaf, in diesem grenzenlosen Verströmen, gelingt es ihnen, Lebenskraft zu schlürfen.
Die fehlende Weiblichkeit, so Pilgrim, macht den Mann zum Freak, zum Energieräuber, ja. zum potentiellen Mörder. Inszeniert sieht er dies in dem kruden Text "Das Parfum": "Aus der ehemaligen Eindrangspracht des Mannes sind Totschlagkeule und Dränagenrohr, noch rudimentärer, ist ein Fettsauglaken geworden." Ins Bild gelangen somit auch Männer-"Kunst", Männer-Pornographie und die Männer-Kultur insgesamt, gegen die der Autor eine "Revolution der Frauen" aufruft.
Und hier liegt ein kleiner Schönheitsfehler des Textes: Denn nicht nur Männer zapfen, saugen, schlürfen Fremdenergien, wie schon Bram Stokers legendärer Dracula-Roman wußte und wofür Pilgrim freilich selbst anschauliche Beispiele liefert. Dominante Mütter partizipieren an ihren Söhnen, unzählige Nervensägen und Quatschtanten operieren aus ihren Gesprächs-Opfern unversehens Kräfte heraus, und männer-imitierende Frauen folgen dem "starken" Geschlecht auch puncto Vampirismus nach.
Wie auch immer - es gilt, Sicherheitszonen zu schaffen, Distanz einzulegen, sich emotional aus dem Bereich der Sauger zu begeben. Dabei hilft wohl vielfach nur das "Kreuz" - das Herstellen der Verbindung zwischen Oben und Unten, das Integrieren des eigenen Unbewußten und das Absteigen in die Welt der Träume ...