Nicolaus Equiamicus hat richtig Ahnung von den Berichten, Abhandungen, alten Zeugenaussagen und modernen Märchen, die sich um Vampire ranken. Wie gut, dass er sich die Zeit -- ich möchte lieber gar nicht wissen, wie viel Zeit es war -- genommen hat, um das alles in sehr gut lektorierter Weise, auf gutem Papier, in einem sehr angenehm in der Hand liegenden Buchformat zusammenzustellen.
Leider war es bisher oft so, dass im Internet und vielen Lexika so allerlei zirkulierte, das entweder nicht immer gut recherchiert war (etwa über Graben zum Steins Schrift, die tatsächlich aber nie gedruckt wurde) oder das Ganze in fuzzikleine Büchlein gepresst wurde, die wohl eher als verschämte Kuriosität am Nachttisch stehen können. Mehrere andere populärwissenschaftliche Bücher zum Thema sind zwar inhaltlich knorke, entbehren aber der Quellenangaben. Weil Equiamicus' Buch im Gegensatz dazu solide und vollständig ist, dazu noch sehr gut lesbar und frei von persönlichen Kommentaren, Wertungen und Augengezwinkere, landet das Buch schon morgen bei meinem Buchbinder, wo es ein lebenslanges Hardcover verpasst kriegt -- allerdings ohne das fiese Twilight-Motiv auf dem Cover ;)
Apropos Gestaltung: Wie schön, dass in den Text neben kleinen Rosen und Blättern als Kapitel-Stopper, wie es sie vor hunderten von Jahren schon gab, auch sehr viele Szenen-Bilder (teils auf Farbtafeln) eingestreut sind, die quer durch die Vampir-Filmwelt reichen. Das ist die Rache für alle Twilight-Fans, die dabei erkennen werden, dass das Vampir-Motiv ursprünglich uralt, im Aberglauben Furcht erregend, deutlich böser und später auch sexueller war, als die derzeitigen Darstellungen im Kino.
Wie man anhand der ausführlichen Wiedergaben der Vampir-Enterdigungen in Nicolaus' Buch zudem sieht, gab es auch früher schon Phasen, in denen der Glaube an Vampire mal verboten (Maria Theresia) oder schlicht ins Lächerliche gezogen wurde (19. Jhdt.). Dennoch kam er jedesmal in neuem Gewand wieder...das Motiv ist eben wirklich unsterblich. Auch das war mir in diesem gewaltigen Umfang vorher nicht klar.
Das einzige nahe liegende Thema, das der Autor praktisch gar nicht anreißt, sind Real Life-Vampyre, also Menschen, die davon überzeugt sind, Blut trinken zu müssen, um sich entspannt zu fühlen. Hier sitzt Equiamicus der Annahme auf, dass es von dieser Einstellung aus nicht weit zum Morden sei, was aber nicht stimmt. Die entsprechende Veröffentlichung mit Interviews mit VertreterInnen dieser Subkultur erscheint allerdings erst in zwei Monaten, so dass ich meine, dass Equiamicus' Buch die derzeit in der Breite umfassendste Zusammenstellung zum Thema Vampire und Vampir-Motive ist, die es weltweit zu kaufen gibt. Hammer! Ein schicker Service wäre zwar ein Stichwort-Register am Ende des Buches gewesen, allerdings sind die Kapitel so klar und fein betitelt, dass man sich auch ohne die sonst übliche Nachschlage-Hilfe sehr gut zurecht findet.
Ich habe beim Lesen -- eigentlich: Stöbern -- durch die vielen Abteilungen des Buches, die von Strigen und Empusen über Dalmatien, Milzbrand und Polidori bis Peter Kürten und zum verfluchten Twilight viele Facetten neu erkannt, vor allem auch zur irren Verbreitung von Vampir-Enterdigungen und -Sichtungen.
Ah! Sie wussten auch nicht, was Empusen sind? Zeit, dieses wirklich außerordentlich gute Buch zu konsultieren. Jeder, der sich auch nur ansatzweise von Vampir-Motiven umfangen lässt, muss dieses Buch mögen, das cool, spannend, nützlich, aus einem Guss und sehr gut recherchiert ist -- und außerdem einen sehr fairen Verkaufspreis hat. So geht das!
Mark Benecke
Präsident, Transylvanian Society of Dracula