Dies ist ein sehr ungewöhnliches und unerwartetes Vampir-Buch.
Der für seine gespenstisch-architektonischen, schwarzweiß gekörnten Fotos von leeren, schattigen Landschaften, Burgen, Schlössern und Grabmalen bekannte Fotograf Sir Simon Marsden zeigt darin zwar erwartetermaßen Karpaten-Friedhöfe, aber auch die Ruine der Burg von Gilles de Rais in Frankreich sowie ein hervorragendes Bild der Mumie von Ritter Kahlbutz aus Brandenburg.
Ich kenne viele dieser Orte und kann es nicht anders sagen: Der Grusel kriecht einem vor Ort zwar nicht, dafür aber durch Marsdens Fotos umso mehr in die Knochen. Das liegt vor allem an seiner merkwürdigen Foto-Technik, die -- so ganz anders als die hochauslösende, farbige Welt, die wir gewohnt sind -- zutiefst retro und infrarot ist. Bei manchen Fotos fragt man sich kurz, ob die Schwaden und Schatten und heimlich hervorlugenden Lichter nicht doch nachträglich...? Nein, sind sie nicht.
Zu jedem der von Marsden beschriebenen Orte gibt es einen sehr schön gesetzten Text, der wunderbar fließend und flüssig aus dem Englischen übersetzt ist und keineswegs einfach einen trashigen Grufti-Abklatsch der Original-Ausgabe darstellt.
Dabei geht es stets knapp, aber nie zu knapp, beipsielsweise um ein Treffen mit Anne Rice und das New Orleans ihrer Romane, um seine Eindrücke zu den Werken von Edgar Allan Poe nebst eingewobener Zitate, aber auch den Vampirglauben bei Indianern, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Marsden, der auch für seine Spukhaus-Fotos bekannt und daher mit Geistern bestens vertraut ist, zieht dabei die "Skinwalker" der Navahos als Beispiel dafür heran, wie sich zumindest das Element der Lichtscheue auch in anderen Kulturen wiederfindet. Kann man machen.
Auch auf Père Lachaise hat Marsden vampirische Hinweise entdeckt: Das Grab der Prinzessin Demidoff, die am 18. April 1818 starb, ein Datum, das in Marsdens Augen "dreimal die acht enthält: "888" ist eine magische Zahl für Vampire." Man sieht: Der Autor schöpft recht forsch aus dem Vollen und hat auch keine Angst davor, kleine Wissensblitze aus seiner Welt der Schatten zu senden, deren Bedeutung man dann aber selber weiter erforschen muss. Oder man blättert einfach zum nächsten bildfüllenden und beeindruckenden Schwarzweiß-Foto...
Die hier vorliegende Buch-Ausgabe ist ein sehr schönes Hardcover, wie gesagt gut übersetzt, frei von wissenschaftlichen Exkursen (eine durchaus gruselige Geschichte zu einem Foto des angeblichen Grabes von Vlad Tepes im Kloster Snagov verknüpft Marsden mit einem Tagebucheintrag von Jonathan Harker, obwohl beides frei erfunden ist); der Band ist ein wunderbarer Ideengeber für vampirische Gedanken an nebeligen Herbst-Abenden.
Wirklich klasse, ganz schwarzweiss und einmal durch und um die ganze Welt der Vampire gegeistert...gefiltert durch die nun schon über sechzigjährigen Augen eines Mannes, der den Begriff "schauerlich" für die Fotografie und ein bisschen auch fürs Gruselgeschichten erzählen neu und stets sehr hochwertig erfunden hat.
Mark Benecke, Transylvanian Society of Dracula