Viele Musiker haben das Nomadentum ihres Berufs zum Thema gemacht, aber wenige vertonen es so vielfältig wie der 53-jährige schwedische Gitarrist Ulf Wakenius. In seinem neuen Album "Vagabond" schöpft er die Möglichkeiten der Gitarre voll aus, fast wie in einem poetischen Katalog dieses Instruments. Ob er die Saiten in einer zarten melancholischen Einsamkeits-Atmosphäre erklingen lässt wie im Sting-Cover "Message in a Bottle", in einem sehnsüchtigen Roadmovierhythmus wie in Bretagne, flamencoartig, in eleganten schwungvollen Soli oder in asiatischer Reduktion, Wakenius wirkt wie ein Chamäleon, das einfühlsam Farbe (und Klang) seiner Umgebung annimmt. Doch nicht zum Zweck der Mimikry, sondern um seinerseits den besuchten Ort einzufärben, um Zeugnis abzulegen von seinen Reisen, ein Logbuch, ein sehr innerliches.
Perlende Klänge vom ganzen Globus
"Vagabond" transportiert keine Berichte, sondern Seelenzustände, die man auch dann nachempfinden kann, wenn man noch nicht in Bagdad war, wo Wakenius offensichtlich mal gefrühstückt hat ("Breakfast in Baghdad", ein drängendes feuriges Stück). Die starken Stimmungen dieses Albums machen "Vagabond" zu einem Werk, das dem Hörer entgegenkommt, obwohl es durchaus komplex gebaut ist. In "Witchi-Tai-To", der herrlichen Flower-Power-Hymne des indianischen Saxophonisten Jim Pepper, führt Ulf Wakenius solistisch vor, wie er einzelne Elemente hervorhebt und dabei die Phantasie des Zuhörers herausfordert: den urigen Hintergrundgroove (galoppierende Büffel?) weiterdenkend, erhebt sich die Melodie, die man wiederum in der Vorstellung weiterfließen lassen muß, wenn nur der Groove übrig bleibt. Bis Wakenius virtuos alles zusammensetzt, nur um schließlich indianerartig zu chanten.
Ein Festival bekannter Namen
Höhepunkte des Albums sind die fröhlichen Unisonopassagen in "Chorinho" zwischen Wakenius' Gitarre und dem Akkordeon des großartigen Vincent Peirani, der parallel zu seinen Improvisationen auch singt. Auch die koreanische Sängerin Youn Sun Nah und Bassist Lars Danielsson sind dabei sowie der Vietnamese Nguyen Le und Wakenius Sohn Eric als Gitarristen. Ulf Wakenius hat in seiner erstaunlichen Karriere mit Oscar Peterson gespielt, mit Pat Metheny, Niels-Henning Orsted-Pedersen, Herbie Hancock, Ray Brown und anderen Jazzgrößen und nennt dieses neue Album das beste, das er je gemacht habe. Es ist ihm damit - von außen betrachtet - etwas besonderes gelungen, nämlich die integrative Kraft des heutigen Jazz in eine sehr persönliche flüssige Form zu bringen: als ob er Klangperlen über den Globus verteilt gesammelt und in wunderschöne Muster verwebt hätte.
Von Mauretta Heinzelmann