Wie offensichtlich einige andere auch, bin ich vom Autor selbst über ein soziales Netzwerk kontaktiert und freundlich auf VILM hingewiesen worden. Das finde ich mal eine nette Art von Direktmarketing! Auch nach der Lektüre hatte ich die Gelegenheit mit Dr. Kruschel noch ein paar Mails austauschen und auf diesem Wege nicht nur direktes Feedback geben zu können, sondern auch einiges über die Hintergründe vom Autor selbst zu erfahren.
Bevor ich zur inhaltlichen Bewertung komme, muss ich einen Punkt loswerden der mich fürchterlich geärgert hat. Eine Geschichte in zwei Bücher aufzuteilen, ist bei vielen Verlagen zur üblichen Geschäftspraxis geworden. So gibt es auch von VILM zwei Teile - Der Regenplanet und
VILM 02. Die Eingeborenen. Zwar lassen sich die beiden Teile (wenn man sie beide gelesen hat) durchaus inhaltlich sauber und schlüssig trennen, aber Teil 1 endet völlig unvermittelt und darum wirkt der Schnitt zu Teil 2 zunächst recht willkürlich.
Laut dem Autor selbst, hatte die Druckerei nicht die Möglichkeiten bzw. Kapazitäten, um das ganze Werk in einem Buch zu binden, was ich auch für einen kleinen Verlag wie Wurdack etwas seltsam finde.
Letztendlich zahlt man für 2 Taschenbücher mit insgesamt 440 Seiten einen stolzen Preis von 26,--. Dass der Wurdack Verlag mit anderen Auflagen und anderen Kosten kalkulieren muss, leuchtet mir schon ein und darum verstehe ich meine investierten 26 Euro als gern gegebenen Förderzuschuss für einen viel versprechenden, neuen deutschen Science Fiction Schriftsteller.
Allerdings komme ich mir etwas veralbert vor, wenn ich in dem Zusammenhang das Zitat eines anderen deutschen SF Autors, Erik Simon, auf dem Buchrücken lese, der betont, wie angenehm sich VILM von den üblich gewordenen ziegelförmigen SF-Romanen abhebt. Denn wenn man die beiden Teile zusammenfasst, und die Seiten etwas großzügiger bedruckt (s. z.B. die Papierverschwendung in Lukianenkos Büchern, z.B.
Sternenspiel: Roman) hat man ganz schnell den gleichen Ziegel. Und dann hebt sich VILM nur noch inhaltlich und/oder stilistisch ab - und das tut es durchaus.
Die Grundidee der Story von "VILM Der Regenplanet" ist so einfach wie untypisch für einen zeitgenössischen SF-Roman und darum schnell erzählt: Ein mächtiger, kilometergroßer Weltenkreuzer stürzt auf einem fremden und von Menschen nicht erschlossenen Planeten ab. Da die Technik größtenteils unbrauchbar geworden ist und man sich weit ab von üblichen Weltraumrouten befand, ist mit einer Rettung nicht zu rechnen. Kruschel erzählt uns in einzelnen Episoden-ähnlichen Kapiteln von den Entbehrungen und Schwierigkeiten der Schiffbrüchigen auf einem Planeten, auf dem es praktisch immer nur regnet...
Neben sozialen Reibereien zwischen Menschen, die unter widrigen Umständen auf engem Raum miteinander klar kommen müssen, erleben wir, wie die einzig überlebende Zentralierin Eliza von den übrigen Menschen ausgegrenzt wird, wie in lebensgefährlichen Expeditionen die Überreste des Raumschiffs erkundet werden, wie ein Arzt gegen fremdartige Krankheitserreger kämpft und wie schließlich die ersten auf dem Planeten geborenen Kinder ihre ganz eigene Beziehung (und Symbiose) zu der Regenwelt und den dort lebenden mysteriösen und geheimnisvollen Wesen aufbauen. Dass VILM noch viel größere Geheimnisse in sich birgt, erfährt der Leser übrigens erst im zweiten Teil.
Der Plot von "VILM Der Regenplanet" (im Gegensatz zu Teil 2) - Schiffbrüchige auf einer fremden Welt - wirkt nicht gerade originell und die einzelnen Episoden wirken etwas unzusammenhängend und bruchstückhaft, was mich am Ende von Teil 1 noch etwas ratlos zurück gelassen hat. Mir hat durch die unterschiedlichen Sichtweisen, aus denen Kruschel die Geschichte handwerklich sehr gut erzählt, auch eine Identifikations- oder Hauptfigur gefehlt. Einige Protagonisten bleiben in ihrer Charakterisierung darum so blass wie die Haut der Schiffbrüchigen nach Jahren unter Regenwolken ohne Sonne und Solarium.
Loben muss man Kruschel dabei dafür, dass und wie er in den einzelnen Episoden die Situationen teilweise sehr einfühlsam und eingängig darstellt, was sehr für seinen Erzählstil spricht. Z.B. kann man die Anspannung des Arztes gut nachempfinden und erlebt mit, wie er bei der Behandlung des kleinen Jungen Will fast Nerven und Beherrschung verliert und dadurch eine nicht greifbare aber spürbare Kluft zwischen den beiden Personen entsteht. Von derartiger Tiefe hätte ich mir mehr gewünscht.
Auch lässt Kruschel inhaltlich einiges an erzählerischem Potenzial aus. Ich hätte gern mehr über den Konflikt zwischen den Zentraliern und dem Rest der Menschen erfahren. Mich hätte auch interessiert, warum die Beziehung zwischen Eliza und Lafayette offensichtlich nicht erwünscht war und noch so einiges mehr. Dafür hätte ich einen weiteren ziegelförmigen SF Roman in meinem Bücherregal gern in Kauf genommen.
Unterm Strich gibt Teil 1 für sich gesehen darum noch nicht so wahnsinnig viel her, aber Teil 2 wird besser und rundet das Werk insgesamt ab. Übrigens arbeitet der Autor bereits an einer Fortsetzung mit dem Arbeitstitel "VILM - Das Dickicht" und auch ein Hörbuch ist in Arbeit. Das im April 2011 erscheinende Buch Galdäa wird zwar von Amazon als VILM 3 angekündigt und spielt im selben Universum, hat aber mit VILM selbst nichts weiter gemein.