Wallerstein lehnt Utopie aufgrund der Verbrechen, die in ihrem Namen geschehen sind, ab und plädiert für eine wissenschaftliche Abschätzung der historischen Alternativen. Der weltweit berühmte, hierzulande jedoch zu Unrecht ignorierte Begründer der Theorie des "modernen Weltsystems" der kapitalistischen Wirtschaft, sagt das Chaos des Weltsystems voraus. Methodisch integriert er die Chaostheorie von komplexen Systemen in die historische Forschung der langlebigen Strukturen der Gesellschaft (Lange Welle). Bestechend einleuchtend setzt er auseinander, wie sich das aus Zentren und Peripherien bestehende Weltsystem der kapitalistischen Wirtschaft in den letzten 200 Jahren wesentlich durch die liberalistische Ideologie, das moderne Staatensystem und das Wohlfahrtsystem erhalten und weltweit durchgesetzt hat. Diese Strukturen, nach der letzten Expansion in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, steuern seit den 60er Jahren alle auf einen Abwärtstrend, der nicht mit dem anhaltenden Tiefstand des Wirtschaftszyklus, auch nicht mit dem Abwärtstrend der Hegemonialmacht der USA erklärt werden kann. Der Liberalismus - eine Hauptlinie seiner Argumentation - hat sich durch die Revolutionen hindurch konsolidiert und zur Stabilität des kapitalistischen Weltsystems in den letzten zweihundert Jahren wesentlich beigetragen. Nun da der Liberalismus und der von ihm getragene säkulare Wohlfahrtsstaat sich weltweit durchgesetzt haben, die erweckten Erwartungen jedoch nicht erfüllen, verlieren sie an Glaubwürdigkeit und Legitimation. Konservatismus, Radikalismus, religiöse Fundamentalismen aller Art schießen aus dem Boden und tragen zur Demontage des Staates bei. Da nun alle Lang- und Kurzzeitzyklen sich im Tiefstand befinden, kann das System sein Gleichgewicht nicht mehr halten und versinkt ins Chaos. Es wird eine schwierige Zeit für alle Beteiligten sein. Hoffnungsvoll macht diese Situation dennoch, weil das System nicht mehr grundlegende Veränderungen neutralisieren kann. In der Zeit der Systemstärke waren alle Revolution zum Scheitern verurteilt. Wallerstein macht kein utopisches Versprechen und appeliert stattdessen, über Alternativen zur Rationalität der Akkumulation des Kapitals zu verständigen. Die Arbeiten von P. Kennedy, F. Fukuyama, D. Landes u.a. zu Perspektiven des neuen Jahrhunderts werden prompt ins Deutsche übersetzt. Hingegen hat Wallerstein hierzulande einen schweren Stand. Möglicherweise wird sich mit dem erweckenden Widerstand gegen die sogenannte Globalisierung langsam ändern.