Gert Ueding, Jahrgang 1942, als inzwischen emeritierter Ordinarius für Allgemeine Rhetorik in Tübingen einst Nachfolger von Walter Jens, hat für diesen attraktiven Sammelband Aufsätze aus mehreren Jahrzehnten zusammengetragen, in denen er die phantastischen Traumwelten von Karl May unter verschiedensten Themenstellungen untersucht und erhellt.
Biografie und Werk lassen sich bei Karl May nicht voneinander trennen, aber mit dem Namen Ueding verbindet sich in der seit Ende der 1960er Jahre überaus regen Karl-May-Forschung vor allem die vorbehaltlose Auseinandersetzung mit allem, was der Literat May zu Papier gebracht hat, das reichte von trivialster Groschenliteratur über Jugendbücher und die populären Reiseerzählungen" bis zu einem literarisch äußerst ambitionierten Spätwerk, wobei Gert Ueding unter anderem dazu anregt, Mays Werk in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen und es vor dem Hintergrund eines extrem ungewöhnlichen Lebens zu verstehen.
Angesichts des bisweilen die literarische Leistung überlagernden Massenphänomens Karl May und seinem schillernden Leben sowie verblassenden Erinnerungen an seine Bücher, die den meisten vor allem als Jugendlektüre begegnet sind (in Konkurrenz zu Filmen, die wenig mit den ursprünglichen May zu tun haben), ist eine Veröffentlichung zu begrüßen, die das Schaffen Mays ins Visier nimmt und die Vielschichtigkeit seiner Werke aufzeigt, indem zum Beispiel bestimmte Leitmotive verfolgt oder relevante May-typische Themen herausgegriffen werden (u.a. biografische Spiegelungen, das Verhältnis zur Kindheit, Wunschträume).
Eine Essay-Sammlung wie diese kann und will offensichtlich keine Gesamtschau und kein abschließendes Bild vermitteln, sie ist auch kaum als Einstieg geeignet für einen Leser, der den May-Kosmos begreifen will, sondern eher zur Vertiefung - oder aber für den allgemein an Literatur Interessierten als Beispiel, wie man sich unterhaltender und phantastischer Literatur nähern, sie mit dem geschulten Blick des Wissenschaftlers interpretieren und sezieren, und dabei doch die Hochachtung vor der Persönlichkeit des Autors und dessen künstlerischen Leistung bewahren kann.
Die meisten der Aufsätze wurden in Jahrbüchern der Karl-May-Gesellschaft erstveröffentlicht und für diese Ausgabe überarbeitet, die nun ohne Fußnoten auskommt, dafür aber einen ausführlichen Literaturnachweis bringt. Die Umschlagrückseite und der Klappentext enthalten markante Aussagen bekannter Persönlichkeiten zu Karl May, darunter Ernst Bloch, dessen Schüler Gert Ueding einst war.
Schade, dass Gert Ueding darauf verzichtet hat, ein markantes persönliches Wort von seiner Seite an den Anfang oder ans Ende des Buchs zu setzen. Explizit zu erfahren , was den bald 70jährigen dazu brachte, sich neben anderem so ausführlich immer wieder mit Karl May zu beschäftigen, hätte dieser Sammlung zur Zierde gereicht. Aber es ist natürlich zu respektieren, dass mit diesem Band offensichtlich Karl May und nicht Gert Ueding ein Denkmal errichtet werden sollte.