Hiltrud Gnüg führt uns mit literaturwissenschaftlichem Rüstzeug durch die Geschichte des utopischen Schreibens. Diese kritische Führung beginnt bei Platons "Politeia" und endet in den 80ern des letzten Jahrhunderts mit Margaret Atwoods feministisch-dystopischen Roman "Report einer Magd" (der übrigens auch schon als Sci-Fi verfilmt wurde).
Durchgehend beleuchtet die Autorin die utopischen Gesellschaftsentwürfe auch stets aus feministischer Perspektive, zeigt auf, dass viele utopische "Idealgesellschaften" für die weiblichen Bewohner kaum diesen Namen verdient hätten, wären sie in die Realität umgesetzt worden. Historisch wird der lang anhaltende Einfluss Platons herausgearbeitet, der erst mit dem Zeitalter der Aufklärung durch eigenständige Entwürfe überwunden wird (am wenigsten jedoch dort, wo der Lebensbereich der Frau berührt ist). Im Zuge der Industrialisierung und sehr viel später unter der Drohung eines Atomaren Krieges, erwächst schließlich die Dystopie, die negative Utopie, als eigenes Genre.
Gnügs Text liest sich sehr flüssig, die einzelnen Kapitel sind leserfreundlich kurz gehalten. Wer schon einige der behandelten Utopien selbst gelesen hat, findet neue Anregungen. Wer sich das Studium utopischen Schreibens als Steckenpferd gewählt hat, sollte an dieser Zusammenfassung nicht vorbeigehen.
Als einzige Kritik ist anzubringen, dass die Autorin anscheinend nichts, oder zu wenig, über die utopischen Elemente in der Science Fiction-Literatur der letzten 30 Jahre (zu erzählen) weiß, oder diese für akademisch uninteressant befindet. Callenbachs "Ecotopia" und "Report einer Magd" bleiben hier die Ausnahme.