Neue Zürcher Zeitung
Miodrag Pavlovic und die «Usurpatoren des Himmels»
Der Balkan will nicht zur Ruhe kommen, als sollte sich, was einmal Balkankrieg hiess, in immer neuen Varianten fortsetzen. Nach dem Desaster zweier Weltkriege riskierte Jugoslawien im ausgehenden 20. Jahrhundert ein «hauseigenes» Debakel, das die Dimensionen eines Bürgerkriegs jedoch dramatisch überschritt und zu dessen verheerenden Folgen es gehört, dass die Lawine weiterrollt, heute in Mazedonien.
An Stimmen, die vor solcher Eskalation warnten, fehlte es nicht, nur blieben sie meist ungehört. Der Schriftsteller Danilo Ki wetterte schon in den siebziger Jahren gegen die Dummheit des Nationalismus, in dem er zu Recht eine Bedrohung des (titoistischen) Vielvölkerstaates sah. Sein frühzeitiger Tod, 1989, bewahrte ihn davor, die Erfüllung seiner düsteren Prophetien miterleben zu müssen, während seine luziden Essays erst Beachtung fanden, als es schon zu spät war.
Zu den konsequenten Kritikern nationalistischer Ideologie (als einer Form kollektiven Wahns) gehörte auch und gehört noch heute der Dichter Miodrag Pavlovic, Jahrgang 1928, wohl der bedeutendste Vertreter serbischer Gegenwartslyrik. Seine Poesie erscheint visionär zu nennen wäre das 1972 entstandene Poem «Die Apokalypse» wie elegisch-rückwärtsgewandt, doch immer dominiert vom Thema Tod. Tod als Folge von Krieg, Tod als tägliches Skandalon. Pavlovic, der Medizin studierte und den Arztberuf längere Zeit aktiv ausübte, hat einen besonderen Blick für das Prekäre der Existenz. Freilich rührt die spröde Wehmut, die seine lyrischen «Klagen», «Epitaphe» und «Requiems» durchzieht, nicht nur an anthropologische Gegebenheiten, sondern auch an die Historie, zumal die serbische. Ein weites Feld. Es gibt in Pavlovics Todesbesessenheit ein mythisches Element, dessen herbe Metaphorik mitunter an altserbische Heldenepen erinnert, und es gibt die Verbindung «Kindheit und Kriege», wie ein Gedichtband von 1992 betitelt ist. Dies verweist nicht zuletzt auf Autobiographisches: auf die traumatischen Erfahrungen des Jugendlichen in Belgrad während des Zweiten Weltkriegs.
Pavlovic hat jenem Abschnitt seines Lebens neuerdings einen mehrteiligen Erinnerungstext gewidmet «Usurpatoren des Himmels» , den er sinnigerweise im März 2000, genau ein Jahr nach Beginn der Luftangriffe auf Jugoslawien, erscheinen liess. Nachzulesen ist er, in der vorzüglichen deutschen Übersetzung von Peter Urban, in einem schön gestalteten Band der Berliner Friedenauer Presse, ergänzt durch siebzehn Gedichte. Ein ergreifender Text. Ergreifend durch die Präzision seiner Details, durch die Lakonie seiner Sprache, durch seine unsentimentale Lebendigkeit. Was etwa in den Kapiteln «Belgrad unter den Deutschen», «Belagerung und Krankheiten», «Deportation der Juden» oder «Einzelheiten über das Bombardement vom 16. bis 17. April 1944» berichtet wird, fügt sich zu einem bedrängenden Bilderreigen, der seinerseits Assoziationen an spätere Zeiten weckt. Ohne moralisierende Absicht gelingt es Pavlovic, das Damals mit dem Jetzt, das Individuelle mit dem Allgemeinen zu verknüpfen, wobei die stärksten Momente in der betont subjektiven Wiedergabe von Ereignissen liegen. Da wird das Kind zum einsamen Zeugen, wie Juden vor dem Kaffeehaus «Bei den sieben Schwaben» eingesammelt und von schwarz uniformierten Soldaten auf Lastwagen verfrachtet werden. «Einer dieser schwarzen Gehilfen stürzte sich auf mich, mit einem verachtungsvollen Gesicht, und befahl mir, mich zu entfernen. Das Besteigen der Lastwagen, das Vergleichen mehrerer Listen, das Notieren neuer Namen, all das dauerte lange, sehr lange, und ich ging langsam nach Hause zurück, verwirrt und leer wie eine Schalmei, aus der man die Töne herausgeschüttelt hat.»
Wie über Krieg reden? Miodrag Pavlovic hat sich schlicht und unmissionarisch-authentisch auf das Eigene besonnen, das verleiht seinen Erinnerungen eine gleichsam poetische Autorität. Verbürgt ist bekanntlich nur der subjektive Schmerz, doch gerade er erlaubt dem Leser Identifikation und Erkenntnis. Die aber braucht es, um den wirren Balkan zu befrieden. Erkenntnis auch in unseren Reihen.
Ilma Rakusa
Perlentaucher.de
Nicht weniger unheimlich als die Darstellung der deutschen Luftangriffe auf Belgrad am 6. April 1941 in Emir Kusturicas Film "Underground" schildert der serbische Lyriker, Dramatiker und Essayist Miodrag Pavlovic die grauenhaften Ereignisse dieses Krieges, und zwar aus der eigenen Anschauung, denn der 1928 geborene Autor hat die Bombardierung selbst erlebt, berichtet Lothar Müller. Zwar habe er seine Erinnerungen erst 1999 aufgeschrieben, doch stehe darin der Junge des Jahres 1941 in scharfen Umrissen vor den Augen des Lesers, meint der Rezensent. Das Buch sei nicht nur ein Kriegsbericht, sondern beschreibe zugleich die Entstehung des Schriftstellers Pavlovic, der sich seiner Berufung schon vor dem Luftangriff bewusst war und diesen in Notizen festhielt. Das Buch hat Müller vor Augen geführt, was ein Luftangriff im Leben eines Menschen bedeutet, welche Verletzungen die Risse in der Decke eines beschädigten Hauses im Inneren seiner Bewohner hinterlassen.
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Kurzbeschreibung
Der Text liest sich auch als eine Art Kassiber an die Nachwelt, indem er alle unter Tito offenen, unbeantwortet gebliebenen Fragen und Probleme benennt.