Diese "Urologie" ist nichts für den absoluten GK-Minimalisten, aber genausowenig nur für den kolibriverliebten Fachfetischisten geeignet, sondern weitgehend ein Band zum Genießen beim Lesen und Lernen. Der "Hautmann-Huland" ist erwachsener geworden. Gegen die jetzt erschienene fest gebundene zweite Auflage wirkt der Paperback-Vorgänger wie ein kleiner Bruder. Und in der Tat hat sich auch im Innern einiges getan: Verlag und Autoren haben - so erfahre ich im Vorwort - Leserzuschriften berücksichtigt und Kapitel völlig neu überarbeitet und neu geschrieben ( so z.B. über Benigne Prostatahyperplasie, Früherkennung urologischer Tumoren, die TNM-Klassifikation urologischer Tumoren u.a. ). Tabellen sind nun sparsamer in den Text eingestreut, was der Lesbarkeit nur zugute kommt, die Gesamtstruktur ist leichter nachvollziehbar ( Embryologie als erstes Kapitel). Insgesamt also sind schon viele Kinderkrankheiten erfolgreich kuriert. Eines will bei der eventuellen Kaufentscheidung berücksichtigt sein: Der "Hautmann-Huland" ist und bleibt ein typisches Autorenbuch, dessen Kapitel zwar im einheitlichen Layout durchgehend zweifarbig strukturiert sind, aber dennoch in Anschaulichkeit und Übersichtlichkeit sehr unterschiedlich ausfallen. Glücklicherweise habe ich allerdings die besonders wichtigen Kapitel ( "Entzündungen", "Tumoren", "Urolithiasis") als besonders gelungen empfunden. Eine Stärke des gesamten Projektes ist sicherlich seine Aktualität. Manches, was ich als Zivi in der Urologie noch vor viereinhalb Jahren als Kliniksalltag kennen gelernt habe ( Parasympatholytika bei Nierenkoliken) wird als klar obsolet erkannt ( eine parasympathische Innervation des Ureters ist zweifelhaft, die Wirksamkeit entsprechender Blocker widerlegt - einzig indiziert daher Analgetika). Leider sind noch nicht alle Rechtschreib- und lateinischen Deklinationsfehler ausgemerzt, auch dies mit Schwankungen von Kapitel von Kapitel ( recht unrühmlich hier gleich der erste Beitrag), und die Hervorhebungstaktiken wünschte man sich einheitlicher - mitunter irritieren kleine, zweizeilige und zweispaltige "Tabellen" mehr als daß sie der Übersichtlichkeit dienen. Dennoch können diese kleinen Mängel den Lesespaß nicht verderben. Wer nur GK-relevant pauken möchte, wird es ablehnen, die knapp 600 Seiten durchzuarbeiten. Aber zwischen den Zeilen habe ich immer wieder Begeisterung fürs Fach gespürt, die auf den geneigten Leser überzuspringen im Stande ist, wenn er sich denn erst einmal auf das liebevoll gemachte Werk einläßt. Auch in den längeren Kapiteln wird nicht geschwafelt, sondern mit harten Fakten argumentiert und messer-, nein: skalpellscharf gute evidence-based-medicine von Vermutungsschnippelei getrennt. Wer in ganzen, wohlformulierten Sätzen über die Materie informiert werden will, ist also sicherlich gut damit bedient, sich für das Buch zu entscheiden. Auch wenn das Volumen die Nennung einiger Kolibris erlaubt, liegt der Gewichtung und Ausführlichkeit der Ausführungen eindeutig vor allem die Praxisrelevanz der Krankheitsbilder zugrunde, und das ist gut so. Die Geschlossenheit der einzelnen Kapitel stellt sich dann als enormer Vorteil heraus, wenn man ein Schichtarbeiter ist und sich häppchenweise einem Fachgebiet nähern möchte. Manchmal hätte ich mir allerdings auch mehr Querverweise zwischen einzelnen Abschnitten gewünscht, beispielsweise zwischen Kinderurologie und der Embryologie, die ursächlich untrennbar zusammenhängen. Summa summarum: Ein eigenes Buch eines eigenen Völkchens - zur Abwechslung von knochentrockener Lektüre zu empfehlen. Schade nur, daß man bei Amazon nicht wie in der herkömmlichen Buchhandlung mit zum "Urologischen Gruß" tastbereit gereckten Zeigefinger darauf deuten kann, wenn man sich denn zum Kauf entschieden hat...