"Physik ist sexy" lautet der Untertitel der CD von Vince Ebert. Wenn ich mir den Physiklehrer aus meiner Gymnasialzeit und dessen traurige Demonstrationen meist missglückender Experimente wachrufe, fällt mir keine Behauptung ein, die absurder wäre. Lediglich bei den anschließenden theoretischen Erklärungen der Ergebnisse, die eigentlich hätten herauskommen sollen, lief der Schulmeister zu einer gewissen Form, wenn er kryptische Buchstaben, Formeln, Wurzeln und Integralen an die Tafel malte. Aber sexy? Physik und Sexappeal verhielt sich bis gestern für mich wie ein Tofu-Ökobrätling zu einem knusprigen Canard à l'Orange. Bis gestern, denn da habe ich die CD "Urknaller" von Vince Ebert angehört. Abgesehen davon, dass der diplomierte Physiker und Kabarettist seinen Vortrag mit einer ganzen Reihe von subtilen bis deftigen Witze aus dem Bereich des zwischenmenschlichen Verkehrsaufkommens würzt, erschließt sich beim Hören tatsächlich die Faszination handfester physikalischer Gesetze und Phänomene. Hätte mein Physiklehrer bei seinem Sermon über Quanten ein Quentchen davon besessen, säße ich jetzt vielleicht an der Steuerkonsole eines Teilchenbeschleunigers im Max-Planck-Institut. Überraschend trotz alledem, was offenbar im Physikunterricht trotz kontraproduktiver Vermittlung doch noch hängen geblieben und durch die Show von Vince Ebert in neue Schwingungen versetzt wird: Die allgemeine und spezielle Relativitätstheorie wird dank eines guten Kalauers plötzlich zumindest ansatzweise verständlich, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und die Chaostheorie illustriert Ebert plastisch an dem Zustand der Küche seiner ehemaligen WG. Sie hören die CD, schmunzeln, lachen, und ehe Sie sich versehen, haben Sie ein physikalisches Phänomen verstanden oder Ihre verschütteten physikalischen Vorkenntnissen haben ein Update verpasst bekommen. Aus der modernen Hirnforschung wissen wir, dass ein vergnügter Kopf um Längen besser lernt, als ein angestrengtes, gelangweiltes oder gar verängstigtes Hirn ("Ihr könnt jetzt in der Stunde ruhig pennen, aber beim nächsten Leitungstest kriegt Ihr die Quittung ...", pflegte unser Physiklehrer zu sagen). Vince Ebert bietet gute Unterhaltung in virtuoser Kombination mit wissenschaftlichen Fakten, die überhaupt nicht mehr langweilig sind, wenn sie mit so viel Humor und Augenzwinkern präsentiert werden.
Ein Tipp zum Abschluss: Machen Sie es wie ich und hören die CD im Zug. Da gleich nach Einlegen der Scheibe ein Dauergrinsen Ihre Mimik beherrscht, Sie es nicht schaffen werden, sich 75 Minuten lang ein Lachen zu verkneifen und gelegentlich für Ihre Mitreisenden unnachvollziehbar losprusten werden, dürften Sie zunehmend misstrauische Blicke ernten. Mütter rufen ihre Kinder zu sich und ältere Herrschaften schauen ängstlich nach dem Schaffner. Und irgendwann haben sie dann ein Abteil für sich allein.