Christian Rätsch könnte wahrscheinlich selbst über die Geschichte der Zebrastreifen unter besonderer Berücksichtigung von Fussgängerübergängen ein spannendes Buch schreiben, wenn er sich dafür begeistern könnte. Seine Fähigkeit, aus scheinbar Langweiligem etwas Besonderes zu machen, hat wohl auch mit seiner Biographie zu tun. So beschäftigt sich der Ethnologe und Etnopharmakologe seit über zwanzig Jahren mit schamanischen Kulturen. Natürlich nicht vom Schreibtisch aus, sondern als Teilhabender und guter Beobachter. Daher darf der Leser auch nicht erwartet, Christian Rätsch würde sich seitenlang über das deutsche Reinheitsgebot und neuzeitliche Beschwörungsriten am Oktoberfest auslassen. Dazu hat er zwar im Kapitel "Das Hopfenzeitalter" ebenfalls Interessantes zu sagen, setzt aber die Schwerpunkte klar anders, was ja der Untertitel bereits andeutet. Besteht heute das verführerische Element von Bier nur noch darin, durch Steigerung des Alkoholpegels die Hemmschwelle zu senken, war Bier früher eben noch ein echtes Aphrodisiaka mit magischen Kräutern. Nieder mit der Reinheit!
Das zweite Kapitel "Die Früchte der Erde" stellt den Grundbaukasten vor, zu dem außer dem Getreide auch schon die geheimnisvollen Zusätze aus Pflanzen, Mineralien und tierischen Produkten gehören. Und natürlich erfahren wir da auch schon, was wie wann gärt und welches jungfräuliche Wasser in den Zauberkessel gehört. Auf eine Reise rund um die Welt werden wir im zweiten Kapitel "Die Trünke der Götter" mitgenommen, um mit Text und Bild dabei zu sein, wenn Rausch-, Verführungs- und Heilmittel gebraut werden. Und weil die Götter vor, während und nach der Arbeit gerne über die Schnüre hauen, macht uns Christian Rätsch mit Festen und Ritualen bekannt, von denen wir noch nie gehört haben.
Wie stromlinienförmig unsere individuelle Zeit oft ist, wird uns beim Einläuten des Hopfenzeitalters bewusst. Denn obwohl Bier seit über zehntausend Jahren gebraut wird, ist das typische Bieraroma erst 1000 Jahre alt. Bevor wir uns an den bitteren Geschmack gewöhnten, gab es süßes, säuerlich-erfrischendes, süß-saures oder kräuterwürziges Bier. Unser geliebter Markt sorgte also dafür, dass heutzutage alle modernen, technologisierten Brauereien weltweit Hopfen in die Kessel stopfen. Je nach persönlicher Orientierung wird das Kapitel "Das Hanfzeitalter" auf Freude oder Ablehnung stoßen. Für Freaks findet sich im ausführlichen Anhang sogar ein Rezept für Biertrinker, die für ihre Cannabisplantagen einen neuen Verwendungszweck suchen. Zudem gibt es in diesem Teil ein Glossar, eine Zeittafel, eine Fülle von Anmerkungen und Literaturangaben sowie ein Stichwortverzeichnis. Der Bildnachweis führt mich zur einzigen Kritik an diesem Buch, das 1996 zum ersten Mal erschienen ist. Ich finde, dass ein so besonderes und einzigartiges Werk eine schönere, zeitgemässere Gestaltung und einen besseren Druck verdient hätte. Ohne einen Kulturkampf entfachen zu wollen, mache ich in meiner eigenen Arbeit leider die Erfahrung, dass Druckereien im Osten zwar günstiger arbeiten, aber oft andere Qualitätsansprüche haben, was sich vor allem bei der Farbechtheit von Abbildungen zeigt. Die mich ebenfalls nicht restlos überzeugende Gestaltung geht allerdings auf das Konto eines Schweizers, der ganz offensichtlich andere Vorstellungen von schönen Fonts hat als ich. Oder hatte da der Freiburger Satzhersteller das Sagen? Wie auch immer, der Abzug eines Sterns hat nicht der Autor zu verantworten, sondern der oder die Umsetzer seiner Arbeit.
Mein Fazit: Wer kein gewöhnliches Buch über das Zaubergetränk des bürgerlichen Alltags sucht, kommt wohl an Christian Rätsch nicht vorbei. Ungemein abwechslungsreich, unterhaltsam, spannend und informativ beschreibt und bebildert er die Geschichte des Hopfengetränks, das über neuntausend Jahre ohne Hopfen auskam und nun in braver Reinheit sogar brave Bürger auf den Tischen tanzen lässt.