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Ur und andere Zeiten
 
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Ur und andere Zeiten [Gebundene Ausgabe]

Olga Tokarczuk
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (1. Januar 2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3827003407
  • ISBN-13: 978-3827003409
  • Größe und/oder Gewicht: 21,1 x 13,2 x 3,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 326.828 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Polnische Zeitläufte

Olga Tokarczuk verzaubert mit ihrem Roman «Ur»

So beginnen Märchen. «Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Um Ur zügig von Norden nach Süden zu durchqueren, würde man eine Stunde brauchen. Von Osten nach Westen ebenso. Wenn man gemächlich um ganz Ur herumgehen und sich dabei alles genau und bedachtsam ansehen wollte, würde man einen ganzen Tag dafür brauchen. Vom Morgen bis zum Abend.» Ur wird in jeder Himmelsrichtung von einem Erzengel bewacht. In Ur vereinen sich die «Schwarze» und die «Weisse». Ur ist ein Flecken in Südpolen. Durch dieses Dorf zieht die Geschichte, vom Ersten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre, mit Soldaten des Zaren und SS-Schergen, mit sowjetischen Iwans und kommunistischen Bürokratenhengsten. Ein Reigen von Kampf und Zerstörung, grausam und so schicksalhaft unabänderlich, wie Mythen es sind.

Olga Tokarczuk, mit achtunddreissig Jahren eine der angesehensten polnischen Autorinnen, erzählt aus der Perspektive der Engel. Diese betrachten gelassen den Wechsel von Jahreszeiten und Generationen, das Stirb und Werde von Mensch und Natur. Sie richten nicht, sie erlösen aber auch nicht. Ihrem Blick entgeht kein Detail, und doch ist jede Einzelheit in ihrer höheren Teilnahmslosigkeit aufgehoben. Da sie sich um Sinn nicht scheren, erscheinen Psychologie und das ganze menschliche Gerangel um Kausalitäten ausser Kraft gesetzt. Mit biblischer Wucht ereignet sich, was sich ereignen muss. Mit andern Worten: Wo die zeitgenössische Literatur gemeinhin in triviales Plappern oder in (postmodernen) Reflexionsfuror verfällt, riskiert Tokarczuk den zeitlosen Märchenton. «Gott sieht. Die Zeit flieht. Der Tod jagt. Die Ewigkeit harrt.»

Archetypisch wirkt auch das Personal des Romans. Da ist die Mühlenbesitzerin Genowefa, die – während ihr Mann Michal für die Russen kämpft – die Tochter Misia zur Welt bringt, sich im Warten verzehrt und den jüdischen Jungen Eli begehrt, der Jahre später von den Kugeln der SS niedergemäht wird. Da ist die barfüssige Waldfrau Ähre, Dorfhure und Zauberin, die mit einem Engelwurzstrauch Tochter Ruta zeugt. Da ist der böse Mann, der einem wilden Tier gleicht, und Freiherr Popielski, der sich dem Wahn eines kabbalistischen Spiels verschreibt. Da ist die verrückte Florentynka, die, umgeben von Hunde- und Katzenscharen, den Mond beschimpft, und der kränkliche Izydor, der von Ruta träumt.

In kreisenden Bewegungen, vorangetrieben von der Vokabel «und», verfolgt der Roman die Schicksale dieser Personen, über Jahrzehnte hinweg. Denn nichts bleibt, wie es ist, es sei denn die Kaffeemühle – «Angelpunkt der Wirklichkeit» –, die Generationen überdauert. Misia wird Pawel Boski heiraten und mehrere Kinder bekommen; Ruta wird nach Brasilien auswandern; Genowefa verdämmert im Rollstuhl, nachdem sie Zeugin der Erschiessung ihres geliebten Eli wurde; Izydor endet im Altersheim. Durch Ur ziehen Deutsche und Russen, Häuser werden niedergebrannt und aufgebaut, in stillen Dachkammern grübelt der eine über Gott, der andere über Vierheiten, und der Wassermann Pluszcz hascht nach den Seelen der toten Soldaten.

Olga Tokarczuk verbindet aufs Kühnste Naturmystizismus mit Ursprungsfragen, Engelslogik mit sinnlicher Beschreibung. In prägnanten parataktischen Sätzen entrollt sie Bilderbogen, die Einzel- und Kollektivschicksale erschreckend plastisch fassen. Mit gnadenloser Lakonie heisst es etwa: «Da Gott Kurts Gedanken lesen konnte wie eine Landkarte und sich daran gewöhnt hatte, ihm seine Wünsche zu erfüllen, erlaubte er ihm, für immer in Ur zu bleiben. Er bestimmte ihm eine dieser vereinzelten verirrten Kugeln, von denen es heisst, Gott habe ihren Lauf gelenkt. – Bevor die Bewohner von Ur den Mut aufbrachten, die Leichen zu begraben, die die Januaroffensive hinterlassen hatte, war es schon Frühling, und deshalb erkannte niemand in dem verwesenden Leichnam eines deutschen Soldaten Kurt. Er wurde in dem Erlenwäldchen gleich neben den Pfarrerswiesen begraben, und dort liegt er bis heute.»

Sentimentalität hat in diesem Universum keinen Platz. Dennoch – oder gerade darum – gelingen Tokarczuk zutiefst anrührende Szenen: Momentaufnahmen aus dem Kriegsalltag, Abbreviaturen des Grauens «sub specie aeternitatis». Die erbarmungslosen Fakten erzählen von der Relativität allen Seins, aber sie haben ein unverwechselbares Gesicht; sie heissen Kurt, Eli oder Ivan Mukta. Der Russe Ivan zeigt dem Kind Izydor «alle wichtigen Dinge»: Zuerst zeigt er ihm «die Welt ohne Gott», dann «ging er mit ihm in den Wald, wo die Partisanen begraben waren, die die Deutschen erschossen hatten», dann macht er ihm vor, wie man es mit einer Ziege treibt. Wenig später ist er tot. Izydor wird ihn nie vergessen können.

Wer ist hier Akteur, der Mensch oder das Fatum, das dumpfe Individuum oder die Geschichte? Wie im Traum bewegen sich Tokarczuks metaphysisch-animalische Gestalten durch die Fährnisse des Lebens, schuldig-unschuldig zugleich. Sie schuften und sinnieren, sie dulden und malträtieren. Auf den absurden Bahnen des Erdenkarussells folgen sie ihrer naturgegebenen Bestimmung. Da läuft selbstredend manches schief, und die Autorin spart nicht an Ironie, um das Mischwesen Mensch als zwiespältiges zu entlarven. Tiere haben es einfacher. Und am einfachsten hat es die stumme Welt der Pflanzen und Gewässer. Ihre Magie wird von Tokarczuk besonders eindringlich beschworen. Hier ist eine Kraft am Werk, die keiner Hinterfragung bedarf. Selbst der Schöpfergott bleibt aussen vor.

Poetische Verdichtung gehört nicht zum geringsten Verdienst von Tokarczuks grandioser Parabel, die ein bisschen Dorfgeschichte, ein bisschen historisches Epos und vor allem ein märchenhafter Erzählreigen ist. Mitteleuropäisches Malaise liegt darin eingeschlossen wie das Insekt im Bernstein. Und in mythisch-urwüchsiger Form die gebündelte Vision des vergangenen Jahrhunderts.

Ilma Rakusa

Kurzbeschreibung

Mit ihrem dritten Roman "Ur und andere Zeiten" hat die junge polnische Autorin Olga Tokarczuk mehr als eine wunderbare Geschichte über ihr Land geschrieben, sie hat einen eigenen Kosmos erschaffen. Zentrum der Welt und Ort des Geschehens ist das fiktive ostpolnische Städtchen Ur, bewacht von den vier Erzengeln Raphael, Uriel, Gabriel und Michael und bewohnt von den merkwürdigsten Menschen: der jungen Genowefa, dem verarmten Baron, der sein Leben einem kabbalistischen Rätselspiel verschrieben hat, dem wilden Mann, der im Wald lebt, dem Säufer Pawel Göttlich ...
Die Erzählung setzt im Jahr 1914 ein und begleitet die historische Entwicklung Polens durch das 20. Jahrhundert. Doch sie könnte auch zu jeder beliebigen Zeit spielen, denn was Olga Tokarczuk in einer wunderbar sinnlichen Sprache beschwört, sind nicht in erster Linie die politischen Ereignisse zweier Weltkriege, es sind die ewigmenschlichen Geschichten von Liebe und Hass, Glück und Leid, Geburt und Tod. Das Personal dieser Geschichtenwelt ist das Personal der Märchen und Mythen, keiner Zeit unterworfen als dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Zum Leben erweckt werden all diese menschlichen Urtypen in einer Sprache, die diese junge Autorin perfekt beherrscht: der einfachen Zaubersprache der Märchen mit ihrer poetischen Leuchtkraft und ihrer drastischen Grausamkeit.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Erzählen Sie mal die Lebensgeschichten von 10 Menschen gleichzeitig in einem Buch von gerade mal 320 Seiten. Unmöglich? Nicht für Olga Tokarczuk. Das Geheimnis ist wohl ein Gefühl für jeden der Protagonisten zu vermitteln, als detailliert und chronologisch Biographien abzuarbeiten. Und dann ein weiteres Kunststück. Mythos und Historie. Erster und zweiter Weltkrieg lokal beschrieben aus der Sicht von mystischen oder sehr einfachen Menschen, die keine Politik und Hintergründe kennen, dafür aber in ihrem märchenhaften Dasein bedroht werden. Im Grunde fehlt der Beschreibung jeglicher journalistischer Stil und wüßte man die Geschehnisse nicht von anderer Seite, so wäre man auch nur Einer von den Figuren in Ur, die einfach nur erleben, überleben oder eben auch nicht. Doch es gibt nichts Aufgesetztes, nichts Bewertendes und gerade das macht die vielen kleinen biographischen Fragmente so wahrhaftig und tiefsinnig.
Ich empfinde dieses Buch als zutiefst weiblich und einmalig. Das Buch berührt mich wie aus einer vergangenen Welt, die jedoch auch wirklich erscheint so als hätte man tief verborgene Erinnerungen in den eigenen Tiefen entdeckt. Es ist eines der besten und glaubhaftesten Bücher, das ich je gelesen habe.
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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Sehr empfehlenswert! 25. Januar 2001
Von Ein Kunde
Ohne Zweifel, eine von den besten Romanen, die ich je gelesen habe. Eine tiefe Weisheit, die alle Menschen, Pflanzen, Tiere mit Liebe umfasst, tropft von jeder Seite, von jedem Satz. Diese polnische Schriftstellerin vermittelt ihr Wissen und Gefühl für alle Natur -- von Menschen zu Pilzen -- in einer unglaublichen poetischen Art und Weise. Ich kann dieses Buch nur hemmungslos empfehlen.
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4 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Möglicherweise liegt es an mir, dass mir das Einfühlen in den Roman so schwergefallen ist. Ich habe in der zwar sehr sinnlich erzählten und vom Thema her bewegenden Geschichte ein wenig Struktur vermisst. Geschichten werden dem Leser aufgetischt, deren Zusammenhänge ziemlich leichtfertig geschlossen werden. Geschichten enden aprupt. Zu den Personen ist durch ihr seltsam weltfremdes Dasein keine Beziehung zu knüpfen. Sie leben in einer Märchenwelt, die dem Leser wohl etwas vermitteln soll, eine Naturnähe oder auch dass der Lauf der Zeit und des Schicksals vor niemandem haltmacht. Mir hat der Roman nicht viel gegeben. Aber es ist gut möglich, das ganz anders zu sehn. Wer die Sprache, dichte Schilderung dieses Romans mag, wird mit dem Inhalt sicher zurechtkommen.
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