"Upstairs, downstairs" - oder auf deutsch: "Das Haus am Eaton Place" - ist die wohl britischste aller Unterhaltungsserien. Beginnend im Jahre 1903 und endend im Jahr der Weltwirtschaftskrise, erzählt die Serie die Geschichte der wohlhabenden Familie Bellamy und ihrer Dienstboten.
Kaum zu glauben, aber wahr: Das Ursprungskonzept für die Serie - von Jean Marsh und ihrer Freundin Paulette Collins erdacht, die sowohl als Darsteller als auch als Produzentinnen fungierten - sah eine Sitcom vor, welche die britische Society in der Ära nach Queen Victoria gnadenlos auf den Arm nehmen sollte. Doch noch bevor in den BBC-Studios die erste Klappe fiel, erkannte man das Potential, das in einer Dramatisierung des Stoffes steckte, und arbeitete die Drehbücher radikal um. Wohl in keiner anderen TV-Produktion wurde das spätviktorianische London so detailliert und liebevoll portraitiert wie in "Upstairs, downstairs".
Upstairs - in den oberen Etagen - des noblen Hauses 65 Eaton Place im Stadtteil Belgravia residieren Richard Bellamy und seine Gemahlin, Lady Marjorie. Das Leben plätschert gemächlich dahin: Die fast erwachsenen Kinder sind - so scheint es zumindest noch in den ersten Folgen - wohlgeraten, man vertreibt sich die Zeit mit Opernbesuchen, Dinnerparties und Bridgeabenden. Gelegentlich schaut der als väterlicher Freund fungierende Anwalt vorbei und informiert über das erfreuliche Zinseinkommen, welches den Wohlstand sichert und mehrt - noch.
Downstairs - also im Souterrain - sieht das Leben wesentlich härter aus, denn hier wird nicht gearbeitet, sondern regelrecht geschuftet: Auf dem Herd brennt stets ein kräftiges Feuer, das Wasser wird mit der Hand gepumpt, es wird Silber poliert, Schuhe werden mühsam gewienert, das Holz gehackt. Über allem wacht der Butler, der - wie es allgemein üblich ist - nur bei seinem Nachnamen Hudson gerufen wird. Seinen Vornamen kennt neben ihm selbst höchstens noch der Hausherr. Hudson ist das Paradebeispiel des britischen Butlers schlechthin: Sein Wort ist Gesetz, und niemand verfügt über bessere Manieren. Die unangefochtene Nummer zwei in der Personalhierarchie ist die Haushälterin und Köchin Mrs. Bridges, die in allen Belangen die letzte moralische Instanz darstellt. Komplettiert wird das Hauspersonal von dem Hausdiener, den Zimmermädchen und dem Küchenmädchen. Selbst in dieser typischen Arbeiteratmosphäre sind gesellschaftliche Positionen ebenso streng geregelt wie bei den Herrschaften upstairs - wahrscheinlich sogar noch strenger. Während Hudson und Mrs. Bridges ihren Platz im Leben genau kennen und nicht im Traum daran denken würden, nach Höherem zu streben, träumen sich die jüngeren Untergebenen gelegentlich in eine bessere Welt.
"Upstairs, downstairs" portraitiert die ersten drei Dezennien des 20. Jahrhunderts und bezieht - obwohl die Geschichte selbst reine Fiktion ist - alles ein, was die Menschen zwischen 1903 und 1930 bewegte: Der Untergang der "Titanic" anno 1912 trifft die Bellamys und ihre Dienstboten ebenso schicksalhaft wie der Kampf der Suffragetten für das Frauenwahlrecht, der erste Weltkrieg, der bescheidene Neubeginn danach und der endgültige Untergang des "alten England" mit der Weltwirtschaftskrise 1930, was auch das Leben im Hause 65 Eaton Place dramatisch verändern wird.
Deutsche Fans der Serie, die des Englischen mächtig genug sind sollten auf jeden Fall die hier besprochene britische DVD-Ausgabe erstehen, denn sie bietet alles, was die geradezu stümperhaft gemachte deutsche Ausgabe nicht hat: Die 68 gedrehten Episoden sind in ihrer Vollständigkeit erhalten (8 Folgen wurden bis heute nie in Deutschland gezeigt) und sie sind ungeschnitten, darüber hinaus fand ein sorgfältiges Remastering statt. Zahlreiche Features wie Dokumentationen und Audiokommentare runden diese rundum gelungene Box ab. Hier fällt es absolut nicht schwer, die volle Punktzahl zu vergeben.