Nach dem Ausstieg von Bill Berry taten sich R.E.M. zunächst schwer mit den Aufnahmen zum Nachfolgeralbum der grandiosen geradlinigen Rock-Platte „New adventures in Hi-Fi". Dennoch erschien 1998 „Up", und schockierte einen Großteil der Fans.
Das Album ist mit Sicherheit das am wenigsten zugängliche in der langen Bandgeschichte.
Einerseits liegt dies am Songwriting, welches experimenteller und weniger melodisch ausgefallen ist; ebenso fallen viele der Texte als verängstigt, ja sogar psychopatisch wirkend auf. Andererseits ist vor allem die Instrumentierung gewöhnungsbedürftig.
Zwar scheint es nach dem Ausstieg des Schlagzeugers ganz natürlich, dass das Drum-Set deutlich seltener in Szene gesetzt wird als zuvor, jedoch hatte wohl niemand mit einer CD gerechnet, die so viele Drum-Machine- und Synthesizer-Einsätze enthält.
Ein erdiger Rock-Sound, geprägt von „natürlichen" Instrumenten, den die meisten Fans des R.E.M.-Stiles bevorzugen (oder zumindest bis zum Erscheinen dieses Albums oder auch des faszinierenden Nachfolgers „Reveal" bevorzugten), hört sich anders an.
Mit etwas Geduld und genauem, intensiven Zuhören kann man jedoch das Feeling und den Geist von R.E.M., die Atmosphäre, die die Songs dieser Band stets zu etwas einzigartigem machte und macht, ohne Einschränkung erkennen.
Das spezielle Flair von „Up" ergibt sich aus der fragenden bis verängstigten Art, in der Michael Stipe seine Texte und Melodien bei dem Großteil der Tracks in Szene setzt.
Das Album enthält viele dahinschwelgende, langsame Songs, auf denen sich die einzelnen Instrumente (inklusive Stipe's Gesang) in einem zum Teil elektronisch dominierten Klangbrei verlieren. Der Großteil dieser Stücke erzeugt eine beklemmende Atmosphäre.
Ein Beispiel hierfür ist das in extrem hohem, fast schon beunruhigendem Maße ruhige „Suspicion". Das an Leonard Cohen's „Suzanne" angelehnte „Hope" gehört ebenfalls zu dieser Kategorie. Es ist ein Meisterstück: Von Beginn an treibt ein unaufhaltsames, sich ständig wiederholendes, prägnantes Riff, welches einen undefinierbaren, scharfen Elektro-Sound aufweist, den Hörer durch das Stück. Michael Stipe's Zeilen wirken verunsichert; man wähnt sich in einer bedrohlichen Situation, man findet keine Beruhigung, der Song scheint sich im Kreis zu drehen, während die lyrics immer wahnsinniger zu werden scheinen.
Bilder von verblutenden Patienten versagender Ärzte und psychopatischen Wünschen nach Verschmelzung der eigenen DNA mit der von Reptilien lassen mehr Fragen offen, als der Hörer vorher überhaupt hatte, bis dann irgendwann der Gesang mit der Zeile aufhört, mit der er begann (ein weiteres Indiz für die oftmals kreisförmigen Songstrukturen bei R.E.M.),
sodass der Übergang in ein wahnwitziges elektronisches Klangchaos erfolgen kann. Genial!
Weitere beklemmende Stücke sind "The apologist" mit seinem "I'm sorry"-Refrain, das kraftvolle "Walk unafraid", der Lovesong? "You're in the air" und die geheimnisvollen 3 letzten Tracks "Diminished", "Parakeet" und "Falls to climb".
Die Liste der leichter erschließbaren, poppigeren Stücke ist etwas kürzer, enthält aber ebenso überzeugendes Material.
"Lotus" kommt mit seiner straffen Songstruktur recht prägnant daher, obwohl Stipe's Gesang doch recht plump und abgehackt wirkt (was natürlich ein bewusst eingesetztes Stilmittel ist).
Ähnliches gilt für "Sad professor". Der einzige R.E.M.-typische Song ist der Single-Hit "Daysleeper", ein Stück im 6/8-Takt, das sich textlich mit den Auswirkungen der globalisierten Arbeitswelt auf das Individuum auseinandersetzt.
Absolutes Highlight des Albums ist für mich der zerbrechliche Love-Song "At my most beautiful", eine Verbeugung vor Brian Wilson und seinem Beach Boys-Album "Pet sounds".
Es handelt sich dabei um eine wunderschön mit Streichern ausgepolsterte Piano-Ballade, hochemotional und sensibel von Stipe vorgetragen, mit unglaublichen Background-Vocals von Bassist Mike Mills, der scheinbar beim besten Engelschor des Himmels gelernt hat.
"Up" ist also eine Platte, die eine ganz eigene Welt darstellt, die recht unübersichtlich wirkt und den neuen Hörer zunächst nicht sehr warmherzig aufzunehmen scheint.
Sie ist dennoch oder gerade deshalb atmosphärisch von bestechender Qualität und gehört vielleicht nicht zu den allerschönsten, aber mit Sicherheit zu den interessantesten Alben aus bis heute mehr als 20 Jahren R.E.M.