Kurzbeschreibung
Die im Jahr 2000 veröffentlichte weltweit erste Kopplung von Mafialiedern unter dem Titel »Il canto di malavita – La musica della Mafia« war ein großer kommerzieller Erfolg. Viel wichtiger war aber: Die ’Ndranghetà-Lieder um Blut, Rache, Omertà und Ehre markierten das Ende einer liebgewonnenen Gewohnheit der internationalen Medien mit der italienischen Geheimorganisation: Die Lieder waren wundervoll, die Texte und ihr Vortrag durch kalabresische Sänger herzzerreißend, aber die ›canti di malavita‹ wollten so gar nicht in das Schema passen, wie die Mafia ›sei‹. Die nämlich ›ist‹ entweder ein Krebsgeschwür, eine kriminelle Krake, auf alle Fälle etwas ganz und gar Furchtbares – oder aber sie ›ist‹ so cool und würdevoll, wie sie in der modernen Mythologie, in Filmen wie dem »Paten« dargestellt wird. Aber dass es eine Kultur der Mafia geben sollte, mit Liedern, Tänzen und Ritualen, und das seit fast 150 Jahren – das verstörte viele Hörer nachhaltig. Der Veröffentlichung von vor zehn Jahren folgte ein immenses publizistisches Echo. Vom Spiegel bis hin zu New York Times, vom Nouvel Observateur bis zur La Repubblica verpasste es kaum ein namhaftes Feuilleton, eigene Betrachtungen und neue Kapitel zur alten Geschichte hinzuzufügen. Irritierenderweise bewarb die ’Ndranghetà mit ihren Liedern ungemein wirkungsvoll ihre Heimatprovinz Kalabrien. Wohl kein zweites Ereignis vermochte im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends so viel Medienaufmerksamkeit auf die Stiefelspitze Italiens zu lenken. Francesco Sbanos Film »Uomini d’Onore – Men of Honour«, der dieser Best-of-CD mit den Schlüsselsongs der ’Ndranghetà als Bonus-DVD beigegeben ist, knüpft an das neue Bewusstsein an: Ob man es wahrhaben will oder nicht, ob man es gutheißt oder bekämpft – es gibt diese Kultur, und es gibt auch Opfer der ’Ndranghetà, die abermals so gar nicht in das Schema eines Blickes von Außen auf Kalabrien passen wollen. Die Rede ist von den stigmatisierten Einwohnern der kleinen Stadt San Luca im Süden der Provinz. Die Stadt teilt das gleiche Schicksal wie das sizilianische Städtchen Corleone. Hier geboren worden zu sein und aufzuwachsen ist kein Lebensweg, sondern eine Diagnose: Man ist markiert als (potenzieller) Mafioso. Francesco Sbano richtet in »Uomini d’Onore« den Fokus schnurstracks auf die Gesellschaftsverlierer Kalabriens. Er tut dies mutig und entschlossen, und er nimmt in Kauf, dass er sich mit seiner vehementen Parteinahme angreifbar macht, etwa wenn er auch vor Bildern unschuldiger Kinder als Beispiel für diese Stigmatisierung nicht zurückschreckt. Ob ihm das gelingen wird, bleibt fraglich. Aber das ist auch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist vielmehr, dass die mittlerweile drei CD-Kopplungen mit Mafialiedern und jetzt sein Film eine Diskussion über die unbequeme Wahrheit einer Kultur der Mafia überhaupt erst möglich machen: Schließlich handelt es sich bei den Tonträgern und dem Dokumentarfilm um originale Quelldokumente aus erster Hand. Immerhin gelang es Sbano, ehemalige Mitglieder der Organisation, im Aspromontegebirge untergetauchte Latitanten und sogar einen Boss vor die Kamera zu bekommen. Im Gegensatz zu reißerischen TV-Dokumentationen lässt Sbano seine Zeugen ausreden. Der Zuschauer erfährt wahrhaft Schockierendes, eben weil der Regisseur im letzten Drittel seines Films auf deutende Kommentare weitgehend verzichtet. Gespenstischer Höhepunkt von »Uomini d’Onore« ist die gefilmte Aufnahmezeremonie eines neuen ’Ndranghetà-Mitglieds in den Männerbund. Man mag dies geschmacklos empfinden, reißerisch ist es nicht. Es handelt sich, und das muss ausgesprochen werden, um eine gesellschaftliche Realität, und sei es eine parallelgesellschaftliche Wahrheit. Hat man den Schock der Erkenntnis aber erst einmal verdaut, bieten sich die Balladen und Tarantellen der Audio-CD als schaurig-trostspendende Momente an. Denn als Konsument ist man in diesem Moment längst um entscheidende Erfahrungen reicher, die einem ein differenzierteres Hören überhaupt erst ermöglichen.