Man mag nach der Lektüre dieses außergwöhnlichen Buches gar nicht viele Worte machen. Zu sehr hat dieses Buch berührt. Eine 82-jährige Frau hat eine "unvollständige" Bilanz Ihres Lebens gezogen und festgestellt: "Ja, es war wunderbar!".
Literaturwissenschaftlerin, Autorin vieler Bücher, zum Beispiel über Katia Mann, Herausgeberin der Tagebücher von Thomas Mann, Mutter zweier Söhne und nicht zuletzt und im folgenden im besonderen Ehefrau von Walter Jens - sie blickt auf ein äußerst ereignisreiches Leben zurück. Wir dürfen sie begleiten zu ihren Begegnungen mit den Katia Mann und Golo Mann, mit Ernst und Karola Bloch, mit Hans Mayer und Carola Stern - und vielen, vielen anderen. Der Leser darf dabei sein, wenn sie für ihre Bücher recherchiert, wenn sie in Mutlangen demonstriert und einen amerikanische Deserteur versteckt. Der Leser ist dabei, wenn es um den Mauerfall geht und um die so wichtigen Entscheidungen um die Akademie der Künste, der Walter Jens über mehrere Jahre vorsitzt.
Dies alles und mehr beschreibt Inge Jens intelligent, ambitioniert, sehr persönlich und in jeder Zeile bedeutungsvoll.
Eine außergewöhnliche Frau, die während ihrer Arbeit an den Thomas Mann-Tagebüchern "zum ersten Mal bemerkte..., was es bedeutete, als eigenständige Persönlichkeit und nicht länger nur als Frau eines interessanten und zunehmend berühmten Manes zu gelten". Sie war es und sollte es bleiben und "zunehmend berühmt" werden.
Inge Jens hat mit ihren - jetzt darf man sagen: leider - "unvollständigen Erinnerungen" auch eine tour de force durch die deutsche Geistesgeschichte unternommen. Die geistigen Entwicklungen, die politischen Geschehnisse, verbunden mit den persönlichen Erlebnissen und Wertungen werden von ihr in höchst authentischer Weise aufgezeichnet.
Am Ende steht dann wohl das eindrucksvollste und bewegendste Ereignis ihres Lebens: die "Reise in die Nacht" ihres demenzkranken Mannes Walter Jens. Sie schildert den Alltag mit ihrem Mann, das Fortschreiten der Erkrankung, das sie bis an den Rand der psychischen und physischen Belastung bringt. "In guten wie in schlechten Tage" - Inge Jnes, die starke, couragierte Frau resümiert am Ende: "Warum ist es gerade mir - uns - so lange so ungeheuer gut ergangen? Warum war es gerade uns vergönnt, ein so interessantes, erfülltes und - trotz mancher Schwierigkeiten - glückliches Leben zu führen?" Vieleicht steckt ein Stück Antwort in diesem Buch.