Mit "Unvergessene Weihnachten" hat der Zeitgut Verlag eine weitere wertvolle Sammlung von Zeitzeugen-Erzählungen herausgebracht. Als Erinnerung für jene, die Teile der im Buch widergespiegelten Epoche von 1918 bis 1959 selbst erlebt haben, aber auch als Bereicherung und Information für Jüngere ist der Band ein zauberhafter Streifzug durch Weihnachtsbräuche der letzten Generationen und vieler deutscher und ehemals deutscher Gegenden. Zugleich enthält das Buch jedoch auch Momentaufnahmen tragischer, kurioser und unendlich beglückender Ereignisse, die ausgerechnet an Weihnachten stattfanden, eng verknüpft mit dem jeweiligen gesamtgeschichtlichen Zusammenhang. Als Beispiele seien der nach etlichen Jahren heimkehrende junge Kriegsgefangene genannt, der von seiner Familie nicht mehr erkannt wird, Weihnachts"feste" an der Front und als Ausgebombte oder Flüchtlinge zu Hause, das Geschick der Eltern, in der frühen Nachkriegszeit unter schwierigsten Bedingungen ein heiß ersehntes oder überhaupt ein Geschenk für ein Kind zu besorgen. Oder aber auch die Unmöglichkeit, dies zu tun - Leere unter dem (nicht selten geklauten) Weihnachtsbaum.
Zu lesen, unter welchen Schwierigkeiten die Zutaten für Weihnachtsgebäck organisiert und mit welcher Andacht dieses dann verzehrt wurde, rührt unsereinen, der spätestens Mitte Dezember nach mehrmonatiger Reizüberflutung schon den Anblick von Lebkuchen&Co. über hat, doch seltsam an.
Die Berichte, alle weder belehrend, noch moralisierend oder bitter geschrieben, zeigen die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten auf: Fest der Liebe und Nähe. Die Mutter, die Stoff für ein eigenes Kleid opfert, um ihren Töchtern neue Kleider zu nähen, der Vater, der in monatelanger Kleinarbeit dem Sohn ein wunderschönes Tretauto bastelt, heimliche (weil verbotene) Bescherung für russische Kriegsgefangene (und von ihnen für das deutsche Kind), die einheimische Frau, die den mittellosen Flüchtlingskindern als Weihnachtsmann verkleidet Plätzchen bringt; sie alle sind Zeugen eines Zusammenhalts und einer Fürsorglichkeit, die uns recht fremd geworden sind. Und immer wieder findet sich eine köstliche Anekdote, die den Leser schmunzeln lässt.
Als Zusammenfassung ließe sich der Herausgeber auf der Umschlagrückseite zitieren: "Es sind Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten, besinnlich, heiter und manchmal zum Heulen ernst und schön."
Aufgrund des schlichten, anschaulichen Stils der Erzähler und anhand der vielen persönlichen Fotos lässt sich das Buch hervorragend lesen. Ich kann es als ein ungewöhnliches Geschenk für Menschen empfehlen, die das übliche oberflächliche Weihnachtsfest satt haben.