Geld ist der Bumerang unseres Lebens meint der französische Autor Tanguy Viel und verwebt einen Schleier aus Sätzen virtuos zu Bildern, zu Dimensionen und Farben in seinem Deutschlanddebüt "Unverdächtig". Er erzählt dem Leser das "blinde Schicksal" von vier unglücklich miteinander "verwachsenen" Personen.
Züge eines Kriminalromans fließen in das erstmals auf Deutsch erschiene Buch des bemerkenswerten Franzosen ein.
Tanguy Viel hat einen ganz eigenen, ungewöhnlichen, aber wunderbaren Ton: sein Stil ist ausgefeilt, alle Personen zeichnen sich durch - zum Teil charmante - Unvollkommenheit aus, seine Sprache ist äußerst assoziationsstark. Die Sätze sind verschachtelt und oft ungrammatikalisch, aber entwickeln eine ungeheure Sogwirkung, einhergehend mit Tiefe und Prägnanz.
Dies ist auch der großartigen Übersetzung Hinrich Schmidt-Henkels zu verdanken, der mit "sichtlichem Vergnügen" einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Qualität dieses Werkes genommen hat.
Angelegt ist die Erzählung in Form des Zwiesprache haltenden Ich-Erzählers Sam: eine Art kommentierte Inhaltsangabe vergangener Geschehnisse.
Die (nur) vier Agierenden dieses Romans, in ihren Grundzügen skizziert und ohne ausschweifende Erläuterungen, werden durch ihr ausgeprägtes Verhalten vortrefflich charakterisiert.
Tanguy Viel fokussiert eine Aura des Ungesagten, des Magischen, ja fast Metaphysischen, ähnlich einem Alfred-Hitchcock-Krimi. Er transformiert die Gedanken und Gefühle der vier Protagonisten linear in den Kopf des Lesers.
Räumlichkeiten gewinnen - obwohl sie geradezu sparsam beschrieben werden -an Tiefe, an Plastizität, um plötzlich eine Dreidimensionalität anzunehmen.
Doch trotz dieser Verknappung und VerDichtung erzeugt der Autor immer wieder Überraschungsmomente, wenn er von einer trügerischen, luftigleicht schwebenden Idylle im nächsten Moment "schreiende Leuchtfeuer, unsichtbare Sirenen" mit Worten auftauchen und diese dann wie Luft rundherum kreisen lässt.
Aus einem langsamen Strudel aus beinahe ungeschickt beendeten, merkwürdig ausstaffierten Sätzen entfaltet sich ein "unendlicher Parcours aus Bildern, Gedanken und Rastlosigkeiten, die alle miteinander einen zusammenhängenden Bericht ergeben."
Wohltuend und treffend auch die Covergestaltung von Julie August, die dieses trügerische Bild brillant wiederzugeben weiß.
Fazit:
"Unverdächtig" ist gleichzeitig Liebesroman und spannende Kriminalgeschichte mit unerwarteten Wendungen: eine zum Teil witzige, sarkastische "Quadratur des Kreises".
Das Buch ist ungeheuer eindringlich - es ist schlichtweg "formidabel".