"Das Bild, das die Menschen heute von Vampiren haben, stammt praktisch aus Hollywood", bedauert Kerry Prior mit einem Augenzwinkern - und wollte sich in seinem 2009er Film "The Revenant" (Der Wiedergänger) endlich mal damit auseinandersetzen, wie Zombies und Vampire "wirklich" sind.
INHALT & WÜRDIGUNG
Es kann ja jedem so leicht widerfahren - in einem Augenblick läuft alles scheinbar noch ganz normal: man beerdigt seinen besten Freund, freut sich, dass man dessen röhrenden Camaro behalten darf und treibt es nach der Beerdigung "all night long" mit seiner ausgehungerten Verlobten. Einfach, "weil es nicht mehr schlimmer werden kann". Und in einer solchen Situation bedarf es nur eines einzigen unglücklichen Zufalls: der Bagger fällt ein paar Sekunden, bevor sich die schwere Betonplatte auf das Grab senkt, aus.
Mit David Anders und Chris Wylde hat Prior ein Hauptdarsteller-Paar gefunden, das unter einer gelassen-freundlichen Schale diesen unterschwelligen Sarkasmus gemeinsam hat, der - unter scheinbar völlig normalen Lebenssituationen verborgen - die Perversíon des Normalen aufdeckt. Ein Spiel, das Kerry Prior mit seinem Publikum gerne betreibt: ob es das große Finale mit jaulenden Polizeifahrzeugen bis zum Horizont ist, bei welchem serienweise harmlose Normalbürger erschossen werden, oder das Kult-Katerfrühstück der kommenden Jahrzehnte mit geräucherten Dosen-Muscheln, welches nicht nur manchem Zuschauer den Magen nach außen stülpt.
"Revenant" kann man weder als Komödie noch als Realsatire festnageln - es gibt richtig Widerliches satt, man wird sich nach harmlosen Momenten wie dem besagten Frühstück zurücksehnen. Auch die berühmte Kettensäge darf nicht fehlen. Dazu haufenweise köstliche Gewaltszenen vom durchgeknallten Black-Power-Philosophen bis zu den ballerfreudigen Polizisten, die unbeirrt weiter draufhalten, wenn das Ziel zwischen ihnen durchläuft. Und schließlich der rührende Abschied, bevor Chris Wilde im entscheidenden Moment den Kopf in den Sand steckt...
Die kanadischen Zombie-Freaks waren von der Preview begeistert. Leute mit einem sehr, sehr, sehr trockenen und hintergründigen Humor werden auf ihre Kosten kommen. Die erste - oder doch zweite? - Liebes-Szene (mit Louise Griffiths), die Prior je gedreht hat, ist erfreulicherweise deutlich schärfer ausgefallen als die meist in Farbe und Kontrast sehr zurückhaltenden Bilder des Films, die selbst oft so wirken, als seinen sie gerade aus einer Gruft auferstanden.
Insgesamt drängt sich die in den Extras geäußerte Idee des Regisseurs, eine Parabel über die Abgestumpftheit des Durchschnittsbürgers zu drehen, beim ersten Betrachten des Films nicht auf. "Untote wie wir" ist einer dieser Filme, den man sich häufiger anschauen sollte. Denn in der Behandlung der Kernfrage, ob wir noch nicht Untoten wirklich und tatsächlich leben, liegt der Witz des Ganzen: Revenant zeigt Karikaturen von Normalbürgern, denen bereits so viele Ideen, Hoffnungen, Wünsche und Träume abgestorben sind, dass sie eigentlich schon lange, bevor sie irgendein Friendly Fire erwischt, zu guten Teilen nur noch als Zombie dahinvegetieren. Deren Hoffnung eigentlich nur noch darin liegen kann, dass ihnen gerade noch rechtzeitig jemand den Kopf abschneidet und ihnen einen satten Pfahl in die Brust hämmert.
Was, wie Prost in den Extras genüsslich berichtet, in der wahren Geschichte, die ihn zu diesem Film inspirierte, sich auch als völlig richtige Methode im Umgang mit einem Vampir erwiesen hat: Der Mann war hinterher tatsächlich tot.
TECHNIK & KONFEKTION
An Tonspuren werden Deutsch und Englisch in in Dolby Digital 5.1 angeboten, dazu Untertitel in Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch.
Die Universal Pictures Blu-ray vom Januar 2012, die wahlweise als Steelbox oder in üblicher Verpackung erhältlich ist, bringt den Film in voller Länge von 118 Minuten - die Kinoversion läuft nur 110 Minuten, und bei einige Festival-Versionen fehlte die Irak-Handlung zu Beginn. Das Format ist 2,35:1. Die BD ist umfangreich mit Audio-Kommentaren ausgestattet, die nochmals zahlreiche Proben des bereits erwähnten trockenen Humors bereithalten. Das gilt auch für das Making Of in HD 1080p. Auch die herausgeschnittenen Szenen machen Freude - die hätte man ruhig drin lassen können.
Die Bildqualität ist untadelig, wo die Beleuchtungsverhältnisse das zulassen. Das ist bei einer digitalen Produktion auch nicht anders zu erwarten. In extrem schlecht ausgeleuchteten Szenen wie der Grab-Szene oder im Gegenschnitt der Irak-Aufnahmen im Fahrerhaus treten allerdings deutliches Rauschen und Artefakte auf. Gelegentlich hat man auch den Eindruck, ein Schleier würde über dem Bild liegen. Hier hat die enorme Schwachlichtfähigkeit von Digitalkameras möglicherweise dazu verführt, über die Grenzen des Machbaren hinauszugehen. Oder aber man hat die technischen Schwächen bewusst eingesetzt: denn das passt natürlich vorzüglich zu diesem Film. Das oft widerliche Licht gehört jedenfalls zweifelsfrei zur logischen Ausstattung wie die Kakerlaken in der Badewanne oder das versiffte Fisch-Bassin.
Der Ton wird wie so oft nur in Englisch in DTS HD MA 5.1 angeboten. Auch wenn es manchmal ganz schön kracht, auch mit tiefen Bässen: Bei Horrorfilmen ist man an sich einen deftigeren Einsatz der Möglichkeiten, vor allem auch der räumlichen Wiedergabe gewohnt. Die Dialoge allerdings sind gut verständlich.
Der FSK-Aufkleber auf dem Steelbook ist entfernbar. Die normale Blu-ray enthält ein Wendecover.
Wenn man mit Multi-Genre-Produktionen keine Probleme hat und es versteht, die Ruhe zu nutzen, in welcher die Geschichte erzählt wird, um die zahlreichen liebevoll gestalteten Details aufzunehmen, kann einem "The Revenant" viel geben - schlaflose Nächte allerdings eher weniger.
film-jury 4* A0855 26.1.2012eg ABR: 1.822 Genre: Komödie | Horror