Das Buch besteht aus zwei Teilen, nämlich einem evolutionsbiologischen und einem psychologischen Teil zur Entstehung von Altruismus. Den psychologischen Teil fand ich weniger überzeugend und interessant, deshalb beschränke ich mit auf den ersten Part.
In diesem wird ein weiterer Versuch gestartet, die sog. Gruppenselektion innerhalb der Evolutionsbiologie salonfähig zu machen. Die Autoren machen immer wieder deutlich, wie schwierig bereits das Unterfangen ist, damit überhaupt unter Fachkollegen Gehör zu finden. Man könnte aufgrund ihrer Schilderung stellenweise den Eindruck bekommen, die Disziplin werde ähnlich stark von Ideologien geleitet wie etwa der Kreationismus. Auch wenn mir solche Kritiken insgesamt eine Spur zu häufig und vehement geäußert wurden, waren sie doch recht lesenswert.
Hauptanliegen des ersten Parts des Buches ist es, die Entstehung von Altruismus - in Ergänzung oder Erweiterung zu den vorhandenen Ansätzen wie Verwandtenselektion, reziproker Altruismus oder Theorie der egoistischen Gene - mittels Gruppenselektion bzw. Multi-Level-Selektion zu erklären. Ihr Grundgedanke dafür ist im Grunde recht einfach:
Altruismus wird als ein Verhalten definiert, was die Fitness (hier verstanden als relativer Fortpflanzungserfolg) anderer zu Lasten der eigenen Fitness erhöht. Stellen wir uns dazu zwei unterschiedliche Gruppen mit Individuen vor, bei der die erste Gruppe einen Egoistenanteil von 80% und einen Altruistenanteil von 20% besitzt, während es bei der zweiten Gruppe genau umgekehrt ist. Wenn der hohe Altruistenteil dazu führt, dass sich die zweite Gruppe insgesamt stärker vermehrt als die erste, dann kann dies - wie die Autoren zeigen - dazu führen, dass zwar der Altruistenanteil in jeder der beiden Gruppen sinkt, jedoch über beide Gruppen zusammengerechnet steigt.
Die Autoren bezeichnen eine Argumentation, die sich ausschließlich auf den durchschnittlichen relativen individuellen Fortpflanzungserfolg (der bei allen Altruisten niedriger als bei den Egoisten ist) bezieht, als Averaging Fallacy. Sie betrachten solche Fehlschlüsse als Hauptgrund für die bisherige reservierte Haltung der Evolutionsbiologen gegenüber der Gruppenselektion. In diesem Zusammenhang führen sie einige vertrackte Beispiele an, wo sich Altruismus in der Natur ausgebildet hat, und wo dies tatsächlich in ihrem Sinne interpretierbar ist.
Im Laufe des Textes geben sie ihrer Auffassung noch mittels einer höchst interessanten Interpretation der Price-Gleichung ein mathematisches Modell. Dies war für mich das eigentliche Highlight des Buches.
Dennoch hat mich ihre Argumentation in der Summe keineswegs überzeugt, und zwar aus den folgenden Gründen:
1. Damit Gruppenselektion im Sinne des Buches funktionieren kann, müssen sich die Gruppen zunächst relativ isoliert entwickeln (wie oben beschrieben), um sich anschließend wieder zu vermischen. Davon kann aber in der Natur und in menschlichen Gesellschaften nur in Ausnahmefällen (insbesondere kaum bei sexueller Fortpflanzung) ausgegangen werden.
2. Wie in den meisten evolutionsbiologischen Büchern werden auch hier einmal mehr die Sexualität und die sexuelle Selektion aus "Einfachheitsgründen" (S. 22) ausgeklammert. Dabei existiert unter solchen Verhältnissen mit dem mittlerweile allgemein anerkannten Handicap-Prinzip (siehe:
Signale der Verständigung) längst eine viel plausiblere Erklärung für die Entstehung von Altruismus, als dies Gruppenselektion, Verwandtenselektion, reziproker Altruismus und Theorie der egoistischen Gene zu leisten im Stande sind: Altruismus kann bei der Partnerwahl von den Weibchen genauso als Fitnessindikator gewertet (ein Männchen, welches sich einen solchen zusätzlichen Aufwand leisten kann, muss fit sein) und dann auch selektiert werden, wie etwa ein besonders reizvoller Gesang oder ausladender Schweif.
3. Altruismus im Sinne des Buches kann alternativ auch als die mögliche Erhöhung des Reproduktionsinteresses bei anderen zu Lasten des eigenen Reproduktionsinteresses interpretiert werden. Nehmen wir einmal an, man bräuchte für das Erzeugen und Aufziehen eines Nachkommens 10 Einheiten Energie. Wenn nun das Individuum A dem Individuum B 10 Einheiten Energie schenkt, dann senkt es damit ggf. sein eigenes Reproduktionsinteresse, während es dieses ggf. bei B erhöht. Dieser Schritt kann in sozialen Gemeinschaften aber auch vereinbarungsgemäß im Sinne einer (eusozialen) Arbeitsteilung erfolgen. Die meisten Evolutionsbiologen tun leider so, als ginge es auch individuell einzig und allein um den Fortpflanzungserfolg, dabei ist die Fortpflanzungsaktivität aus Sicht eines Individuums ggf. selbst eine altruistische Handlung (die man mit der Theorie der egoistischen Gene zu begründen versuchte). Aus Sicht des Individuums muss etwa die Rolle der permanent Eier-legenden Königin in einem Insektenstaat keineswegs die erstrebenswerteste sein. Anders gesagt: Bei einer Reduzierung des eigenen Reproduktionsinteresses muss es sich keineswegs um eine in unserem Sinne altruistische Tat handeln, da sie ja durchaus mit ganz anderen Privilegien verbunden sein könnte. In modernen menschlichen Gesellschaften wird Kinderlosigkeit beispielsweise ganz häufig eher mit Egoismus in Verbindung gebracht. Mersch hat in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem dazu eine "Systemische Evolutionstheorie" entwickelt, die für Evolution lediglich nur noch die Bedingung stellt, dass das Reproduktionsinteresse der einzelnen Individuen einer Population nicht negativ mit deren Fitness (Anpassung an den Lebensraum; Fähigkeit zur Ressourcenerlangung) sinkt. Würde sich eine soziale Gemeinschaft also etwa so organisieren, dass die leistungsfähigsten Individuen die sozialen Arbeiten erledigen, während die leistungsschwächsten die Fortpflanzung übernehmen, dann könnte eine solche Gemeinschaft gemäß Mersch auf Gruppenebene (trotz aller individuellen Selektionen) nicht evolvieren. Ich denke, damit wurde eine Erklärung geliefert, die viel weiter geht, als die Begründungen der Autoren und der im Buch diskutierten alternativen Theorien.