Dies ist kein Irving-Roman, mit dem man sich an einem Wochenende in der Wohnung verkriecht, die Tür nicht öffnet, das Telefon nicht beantwortet, um sich ungestört dem Vergnügen seiner skurrilen Geschichten hinzugeben. Stattdessen: Most disturbing, wie man wohl im Englischen sagen würde.
Ich habe alle Bücher von John Irving gelesen und interessiere mich natürlicherweise für alles, was den Autoren betrifft. Ein Buch von ihm nicht zu lesen, zumal sein persönlichstes Buch, wie er selbst sagt, ist nicht drin, auch wenn dieser Roman fast durchweg als ungut kritisiert wurde und 800 Seiten kein Pappenstil sind.
Die Geschichte in wenigen Sätzen: Jack Burns reist als 4-Jähriger mit seiner Mutter durch Europa, offensichtlich sucht diese den Vater des Jungen, von dem sie weiß, dass er berühmte Orgeln spielen und sich von den besten Tattoo-Künstlern tätowieren lassen möchte. Dieser Mann, Williams Burns, verführe wohl gerne und oft blutjunge Mädchen. Mutter und der schulpflichtige Sohn kehren zwei Jahre später nach Kanada zurück, ohne den Vater gefunden zu haben. Jack entwickelt sich zu einer unruhigen, sexuell getriebenen Persönlichkeit. Er wächst auf mit der Mutter, ihrer Lebensgefährtin und deren halbwüchsiger Tochter Emma, die sein engster Freund ist und bis zum Tode bleibt. Mit ihr lebt er auch als oskarprämierter Schauspieler in Hollywood.
Nach dem Tod der Mutter sucht er den Vater und findet die Wahrheit über ihn, seine Mutter und sich. Schließlich begegnet er einer Halbschwester und dem Vater, und zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er, dass er angekommen ist.
Mit Tattoos habe ich mich nie befasst, ich fand sie eher indiskutabel. Spätestens ab Seite 50 dachte ich jedoch darüber nach, welches Tattoo für mich in Frage käme, und auf welchem Körperteil. Die Welt der Tattoo-Kunst hat sich mir erschlossen.
Die ersten 300 Seiten dieses Buches waren eine Qual, denn die Geschichten über den ständigen Missbrauch an dem kleinen Jungen waren für mich nur mit schwerem Herzen zu lesen. Der Missbrauch durch ältere Schulkameradinnen war an den Haaren herbeigezogen, es war mir sehr unangenehm, das zu lesen. Erst gegen Ende des Romans habe ich den größeren Zusammenhang begriffen. Trotzdem muss ich zugeben, einige Seiten habe ich ungelesen überblättert, was ich eigentlich nie tue.
Aus großem Respekt und Verehrung für John Irving las ich das Buch dennoch zu Ende, und zwar jeden Tag ein Kapitel, diese Disziplin habe ich gebraucht, um überhaupt dabei bleiben zu können. Die Tragik des Jack Burns war nur in homöopathischen Dosen zu ertragen.
Ab Seite 300 wurde die Geschichte spannend, dennoch konnte ich nicht mehr als 20 Seiten pro Tag lesen, weil es mir immer wieder schwer ums Herz wurde, besonders das letzte Viertel, als sich auflöst, wie die Kindheits-Erinnerungen des kleinen Jack Burns manipuliert waren und nichts mit dem zu tun hatten, was er wirklich erlebt hatte: What wouldn't you believe when you were four, and your mum was the manager of your so-called memories?"
Jack Burns kehrt zurück an die Orte, an denen er Jahre seiner Kindheit verbrachte, er spricht mit Menschen, die er vor 28 Jahren als Vierjähriger kennen gelernt hatte und erfährt, dass in Wahrheit andere Dinge geschehen waren, als das, was er 28 Jahre lang geglaubt hatte. Diesen Weg mit ihm zu gehen in diesem 800-Seiten-Roman ist eine Bereicherung. Irvings Auseinandersetzung mit Erinnerungen ist fast philosophisch, und ich denke oft darüber nach.
Die letzten 100 Seiten habe ich dann ganz langsam gelesen, denn ich wollte die Geschichte nicht verlassen.
Ich weiß, dass ich den Roman irgendwann ein zweites Mal lesen werde, denn es ist ein schönes Buch. Ich freue mich schon darauf, denn die Geschichte hat mich letztendlich doch süchtig gemacht, was das Ganze wieder zu einem echten John Irving macht!