Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Unterwegs nach Cold Mountain, Film-Tie-In von Charles Frazier, Karina Of. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mit dem ersten Anflug des Morgens wurden die Fliegen munter. Inmans Augen und die lange Wunde an seinem Hals lockten sie an, und mit ihrem Flügelgeschwirr und ihrem Gekrabbel rissen sie einen Mann unbarmherziger aus dem Schlaf als ein Hof voller Hähne. So begann für ihn ein weiterer Tag im Krankensaal. Er schlug mit den Händen nach den Fliegen, um sie zu verscheuchen, und blickte über das Fußende seines Bettes hinweg zu einem geöffneten, an drei Angeln aufgehängten Fenster. Normalerweise konnte er die rote Straße mit dem Eichenbaum und der niedrigen Ziegelmauer sehen. Und dahinter die sich bis zum westlichen Horizont erstreckenden Felder und niedrigen Kiefernwälder. Das Land war so eben, daß man eine weite Sicht hatte, zumal das Krankenhaus auf der einzigen Anhöhe weit und breit errichtet worden war. Doch es war noch zu früh, um etwas erkennen zu können. Man hätte meinen können, das Fenster sei mit grauer Farbe zugestrichen.
Wäre es nicht zu dunkel gewesen, hätte Inman gelesen, um die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken, denn das Buch, das er gerade las, hatte eine beruhigende Wirkung auf sein Gemüt. Am Vorabend hatte er jedoch beim Lesen, um einschlafen zu können, die letzte Kerze aus seinem eigenen Vorrat aufgebraucht, und Petroleum war so knapp, daß er die Krankenhauslampen nicht zur bloßen Zerstreuung anzünden konnte. Also stand er auf, zog sich an und setzte sich auf einen Stuhl mit Sprossenlehne, so daß er dem düsteren Saal mit den Betten und den darin liegenden Kranken den Rücken zuwandte. Abermals schlug er nach den Fliegen und blickte beim ersten dunstigen Dämmerschein aus dem Fenster, darauf wartend, daß die Welt draußen allmählich Gestalt annahm.
Das Fenster war so hoch wie eine Tür, und er hatte sich viele Male vorgestellt, daß es sich zu einem anderen Ort hin öffnete und er nur hindurchzusteigen brauchte, um dort anzukommen. In den ersten Wochen im Krankenhaus hatte er seinen Kopf kaum bewegen können und sich allein dadurch Beschäftigung verschafft, daß er aus dem Fenster schaute und sich die alten, grünen Orte seiner Heimat in Erinnerung rief. Orte der Kindheit. Das feuchte Bachufer, an dem der Fichtenspargel wuchs. Ein im Herbst von braunschwarzen Raupen bevölkertes Wiesenstück. Der über einen Feldweg hängende Ast eines Walnußbaumes, von dem aus er seinen Vater oft beobachtet hatte, wie er in der Abenddämmerung die Kühe stallwärts trieb. Sie trotteten allabendlich unter ihm vorbei, und dann schloß er jedesmal die Augen und lauschte, wie der hohle Klang ihrer auf der Erde aufschlagenden Hufe schwächer und schwächer wurde, bis er sich in den Rufen von Laubheuschrecken und Grillenfröschen verlor. Das Fenster wollte seine Gedanken offenbar nur in die Vergangenheit lenken. Was ihm recht war, denn er hatte in das stählerne Antlitz seines Zeitalters geblickt und war von dem Anblick so erschüttert gewesen, daß er sich beim Gedanken an die Zukunft nur eine Welt vorstellen konnte, aus der alles, was er für wichtig hielt, verjagt worden oder freiwillig geflohen war.
Er starrte nun schon einen ganzen Sommer lang zu dem Fenster hin, ein Sommer, der so heiß und so schwül war, daß sich die Luft Tag und Nacht anfühlte, als atmete man durch ein Spültuch, und der so feucht war, daß frische Laken unter ihm einen säuerlichen Geruch annahmen und die schlaffen Seiten des Buches auf seinem Nachttisch über Nacht von winzigen schwarzen Pilzen überzogen wurden. Inman vermutete, daß das graue Fenster nach einer so langen Befragung allmählich alles gesagt haben mußte, was es zu sagen hatte. An jenem Morgen jedoch überraschte es ihn, denn es rief eine seinem Gedächtnis entfallene Erinnerung aus der Schulzeit zurück, wie er im Klassenzimmer neben einem ähnlich hohen Fenster saß, das einen Ausschnitt mit Weideland und niedrigen grünen Hügelketten einrahmte, die stufenförmig zum mächtigen Buckel des Cold Mountain anstiegen. Es war September. Das Gras auf der Wiese jenseits der festgetretenen Erde des Schulhofes stand hüfthoch, und die Rispen waren überreif und gelb, weil die Mahd längst überfällig war. Der Lehrer war ein rundlicher, kleiner Mann, mit kahlem Schädel und rosigem Gesicht. Er besaß nur eine einzige Garnitur Kleider aus schwarzem, verschossenem Stoff sowie ein Paar alter, übergroßer Paradestiefel, die sich an den Spitzen hochbogen und so abgetreten waren, daß die Absätze wie Keile aussahen. Er stand vorne im Klassenzimmer und wippte auf den Zehenspitzen. Er verbreitete sich den ganzen Vormittag lang über nichts als Geschichte, indem er den älteren Schülern von grandiosen, im alten England ausgetragenen Kriegen erzählte.
(...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.