Die Wartezeit auf das Erscheinen des 2. Bandes der von Fredmund Malik auf 6 Baende angelegten Buchreihe: "Management: Komplexitaet meistern" war zwar etwas lange - da konnte auch das zwischenzeitlich erschienene Buch "Gefaehrliche Managementwoerter" nicht helfen. Nun ist der Band aber erschienen und es bleibt zu hoffen, dass die weiteren 4 Baende zuegig erscheinen moegen.
Was Malik hier anbietet, ist eine umfassende Beschreibung und Einfuehrung in Management. In SYSTEMISCHES Management. Und gerade das ist die Staerke seines Ansatzes, denn er ist gepraegt von der Kybernetik und Systemtheorie eines Norbert Wiener, Frederic Vester, Stafford Beer. Sein Konzept greift aber auch zurueck auf Ansaetze von Rupert Riedl oder Karl Popper und wendet sich insbesondere gegen das so weit verbreitete "Lineare Denken" und schlaegt eine Bruecke zwischen der Management Theorie und der Bionik. Malik zeigt in dem Band ueber "Unternehmenspolitik und Corporate Governance" erneut, wie schaedlich und unzulaenglich der Shareholder Value Ansatz oder Stakeholder Value Ansatz fuer Unternehmen ist und stellt in seiner Managementtheorie den Kunden voll in den Mittelpunkt, da einzig und alleine der Kunde "Rechnungen bezahlt", wogegen die Interessen von Shareholdern oft kurzfristig und nicht am langfristigen Unternehmensziel ausgerichtet sind.
Es geht in Maliks Ansatz um moeglichst effektive und effiziente aber vor allem auch EINFACHE Loesungen, um die Komplexitaet moderner Unternehmen zu meistern. Dabei greift er auch zurueck auf Fredic Vesters Sensistivitaetsanalyse und macht diese fuer die Unternehmenspolitik anwendbar.
Maliks System ist an drei zentralen Fragen ausgerichtet: 1) Was soll das Unternehmen tun, 2) Wo soll das Unternehmen funktionieren und 3) Wie und womit das Unternehmen funktionieren soll. Auf diesen Fragen aufbauend wird ein "Blueprint" eines Unternehmenskonzepts, eines Umweltkonzepts und eines Fuehrungskonzepts entwickelt und vorgestellt.
Gerade an der Corporate Governance zeigt Malik auf, dass es dabei um einen kybernetischen Ansatz geht, der auf moeglichst viel Selbstorganisation abzielt und nicht darauf, alles und jedes Detail zu "verregeln". Anhand von historischen Unternehmensfuehrern zeigt er auch, wie gerade erfolgreiche Unternehmer ihre Konzepte und Regeln moeglichst einfach gehalten haben und vor allem diese selbst entwickelt haben und diese Aufgabe nicht an Managementberater delegiert haben.
Ich kann den Ansatz Maliks nur voll inhaltlich bestaetigen. Gerade diese systemische Denken im Management fehlt heute so oft und auch meine eigenen Experimente mit Frederic Vesters Sensitivitaetsanalyse im Rahmen eigener Managementpraxis und in Universitaetslehrveranstaltungen zeigen, wie wenig ausgepraegt (gerade unter Technikern) diese Denkweise ist. Hilfreich sind dabei auch die Verweise auf Maliks Webseite und die dort auffindbaren weiterfuehrenden Informationen und Hilfmittel.
Spannend zu lesen sind auch Maliks Ausfuehrungen uber Leadership und Teams, besonders ueber die Teamarbeit in Top Management Teams und den Widerspruch zwischen Teamarbeit und dem CEO Prinzip. Malik stellt in dem Band neben seinem General Management Modell auch ein Standard Modell fuer wirksames Management vor. Mit der Einfuehrung seiner "Master Controls" erhebt er den Anspruch, ueber Balanced Scorecards hinauszugehen. Sehr zu empfehlen sind besonders die im Kapitel 9 des Buches kurz und praegnant gefassten "Heuristiken fuer Gewinner: Logik des Gelingens".
Drei Dinge sind in diesem Buch von Malik nicht so positiv: erstens baut Malik viele seiner Argumentationen haufig als sogenannte "Selbstimmunisierende Theorien" im Sinne Karl Poppers auf und das ist ein wenig schade, denn das haette er eigentlich nicht noetig. Und zweitens, mit einigen von Maliks Ansichten ueber interkulturelles Management stimme ich absolut nicht ueberein. Gewiss, richtiges und gutes Management kann und muss ueberall funktionieren, aber daraus den Schluss zu ziehen, dass kulturelle Gegebeneheiten keine Rolle spielen, geht meiner Erfahrung nach entschieden zu weit. Letztlich drittens: Wenn Malik behauptet, sein Managementsystem sei das weltweit einzige umfassend beschriebene Managementsystem, dann halte ich das fuer ein wenig uebertrieben. Fast alle Elemente seines Managementsystems finden sich auch etwa in Systemen wie CMM, CMMI oder P-CMM, den Capability Maturity Models der Carnegie Mellon University, und diese sind heute ein quasi Industrie Standard.
Aber auch diese drei Kritikpunkte aendern nichts daran, dass nach dem ersten Band der Reihe (Management: A und O des Handwerks) auch dieser zweite Band ein grosser Wurf fuer die Verbreiterung des Wissens ueber gutes und richtiges Managements ist. Es bleibt zu hoffen, dass Maliks Werk in mehr Unternehmen und besonders Vorstandsetagen Einzug haelt. Ich freue mich schon auf den naechsten Band.