"Unternehmen Barbarossa" liest sich streckenweise wie ein Abenteuerroman. Spannend, ergreifend und flott erzählt Carell die Odyssee der Deutschen von der Bug bis ans schwarze Meer. Stellt mit Plänen und Skizzen die strategische Lage dar. Taucht dann tief ins Geschehen ein und schildert in bildhaften und lautmalerischen Worten den Kampf direkt an der Front. Dann zieht er in essay-artigen Ausflügen politische Begebenheiten heran, die einen Überblick über die Gesamtsituation liefern, was dem Leser wieder die Zuordnung in die Welt- bzw. Kriegsgeschichte ermöglicht. Sein Vokabular erschöpft sich nicht aus dem eines Historikers, er bedient sich mehr einer zackigen Landsersprache. "Hier kleckert ein MG", "Ein Flammenwerfer faucht", "Die Artillerie bellt", "Die Brücke wurde im Handstreich genommen", "Mensch, es klappt!", "Von feindlichen MG beharkt" unsw.. Durch diese kurze prägnate und bildhafte Sprache wird dem Leser ein emotionaler Zugang ermöglicht. Es ist ein ganz anderes Lesen als das einer Dissertation. Man gewinnt ein eindrucksvolles Bild davon, was zwischen den Jahren 1941 und 1944 in Russland geschah.
Doch es ist ganz klar: der geschichtliche Hintergrund des Autors verpflichtet bei der Lektüre dieses Werkes ganz besonders dazu, zu differenzieren. Nämlich zwischen historischen Fakten und der subjektiven Überspitzung und Verdrängung der Geschehnisse durch Paul Carell (alias Paul Schmidt, Obersturmbannführer der SS), der sich ganz eindeutig auf die Seite der deutschen Wehrmacht stellt. Für Carell sind die Landser heroische Figuren, leidend und entbehrend, sich selbstaufopfernd für ihre Truppe ins Kriegsgetümmel schmeißend und nicht selten den Heldentot sterbend. Die Generäle sind operative Genies, kühle Denker, die ihn kühnen und verwegenen Operationen Sieg um Sieg davon tragen, ganze Armeen einkesseln und vernichten, und selbst aussichtslosesten Situationen mit List und Tücke entrinnen. Schlachten werden im brüderlichen Kampf zwischen Soldat und Soldat ausgefochten. Dass das in gewisser Weise stimmt, bezweifle ich nicht. Nur ist es eben nicht die ganze Wahrheit. Die Schilderung der verbrecherischen Tätigkeiten der SS, SD und auch der Wehrmacht werden gänzlich verschwiegen. Ich weiß, daß Carell in seinem Buch auf moralische und ethische Wertungen bewußt verzichtet und sein Augenmerk auf die reinen Kampfhandlungen richtet, doch gerade er, der unter einem Pseudonym schreiben muß und sich deswegen ja offensichtlich seiner NS-Vergangenheit bewußt ist, hätte seinem Werk einiges mehr an Wert und Seriosität verleihen können, fänden sich doch vereinzelt, zwischen die Kampfhandlungen gereiht, in seiner kräftigen Sprache beschrieben, Szenen aus Hitlers Vernichtungskrieg, der während den eigentlichen Kampfhandlungen im großen Stil und auf unmenschliche Weise vollzogen wurde. Hätte er das getan, bräuchte er auch kein Pseudonym. Auch wenn Carell die Grausamkeit und Unerbittlichkeit des Krieges zu zeigen in der Lage ist, trägt er doch eine schwarz-weiß-rote Brille, durch die das Leiden der russischen Zivilbevölkerungen und Kriegsgefangenen nicht zu sehen ist. Carells Wehrmacht bleibt unbefleckt. Der Mythos bleibt.
Dennoch hat mir dieses Buch sehr gut gefallen. Streckenweise fand ich es brillant. Es ist einer der raren Eindrücke aus "erster Hand", die sehr wertvoll sind für den historisch Interessierten. Doch ich finde es unverzeichlich, daß sich der Autor gänzlich seiner Verantwortung entzieht und sich davor drückt, reinen Tisch zu machen, um zu gestehen: Wir haben alles falsch gemacht. Denn gerade die Jugend muß erfahren, was damals zwischen 1933 und 1945 geschehen ist und warum, eben damit es nicht wieder geschieht.