Die »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« (so das grammatikalisch vom heutigen Sprachgebrauch abweichende Original) sind eine Sammlung von Novellen, die im Stil von Giovanni Boccaccios »Decamerone« durch eine Rahmenhandlung verbunden sind. Sie waren in den ersten Ausgaben der von Schiller herausgegebenen Literatur- und Philosophie-Zeitschrift »Die Horen« Goethes Beitrag zu dem ehrgeizigen Projekt. Obwohl »Die Horen« nach Schillers Vorstellung strikt unpolitisch sein sollten, nutzt Goethe die Gunst der Stunde, um seiner kritischen Sicht der Französischen Revolution Ausdruck zu verleihen, die er im März 1790 in einem Brief als das »schrecklichste aller Ereignisse« bezeichnet hatte. Die Figuren der Rahmenhandlung, die Familie einer Baronesse samt Hauslehrern, sind vor den Revolutionskriegen geflohen, die die deutschsprachigen Gebiete jenseits des Rheins in Aufruhr versetzt haben, was sich natürlich in den Unterhaltungen niederschlägt. Zumindest in den sechs Geschichten, die sich die Reisenden zum Zeitvertreib erzählen, konnte Goethe die Vorgabe zur »Keuschheit in politischen Urteilen«, die Schiller ihm gegenüber anmahnte, aber einhalten.
Sie handeln von den Verwicklungen der Liebe und gefährlichen Leidenschaften. Rätselhafte Geräusche, die ein verschmähter Liebhaber heraufbeschworen hat, beunruhigen die Sängerin Antonelli im gleichnamigen ersten Erzähltext, auf den eine kurze Gespenstergeschichte um mysteriöse Klopfgeräusche folgt. In zwei Anekdoten aus den Memoiren des Marschalls von Bassompierre geht es um ein durch den jähen Einbruch der Pest vereiteltes erotisches Abenteuer des Marschalls mit einer liebeshungrigen Krämerin und um eine betrogene Ehefrau, die die Geliebte ihres Mannes mit einem Schleier vertreibt, den sie nachts auf dem Bett der Ehebrecher hinterlassen hat.
Noch stärker moralisch gefärbt sind die beiden letzten Erzählungen. »Der Prokuarator« ist eine klassische Dreiecksgeschichte mit gutem Ausgang: Ein in die Jahre gekommener See- und Geschäftsmann vermählt sich mit einer jungen, attraktiven Frau und stellt ihr die Wahl eines Liebhabers frei, ehe er, von Rastlosigkeit getrieben, wieder zur See fährt. Nur ein Mann von Charakter und kein »leichtsinniger Knabe« solle es, bitteschön, sein. Obwohl seine junge Gattin allein den Gedanken an eine Affäre weit von sich weist, wird sie, nachdem sie eine Weile als Strohwitwe gelebt und viele begehrliche Blicke auf sich gezogen hat, tatsächlich auf einen Mann aufmerksam, der offenbar den Vorstellungen ihres Gemahls entspricht. Bald verzehrt sie sich vor Verlangen nach dem tugendhaften jungen Rechtsgelehrten, der aus Bologna in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und dem sie sich schließlich offenbart. Der junge Mann kontert ihr Werben mit der Mitteilung eines Askese-Gelübdes, das er noch zwei Monate lang einzuhalten habe; danach sei er frei. Es könne jedoch um einen Monat verkürzt werden, wenn ihm jemand einen Monat abnehme. Die Verliebte willigt euphorisch in den Monat des Darbens und Fastens ein, sieht sich an dessen Ende jedoch von ihrer Verwirrung geheilt und auf den Weg der Tugend zurückgeführt.
Mit der Geschichte des reumütigen Ferdinand, der Geld aus dem Schreibtisch seines vermögenden Vaters gestohlen hat, um Eindruck bei seiner Braut Ottilie zu schinden, die sich am Ende jedoch als seiner unwürdig erweist, endet der Novellenzyklus. Durch kluge Investitionen tritt Ferdinand in die Fußstapfen seines geschäftlich erfolgreichen Vaters, findet die wahre Liebe und kehrt schließlich auf den Pfad der Tugend zurück. Als ihn die Vergangenheit einholt und sein Vergehen ans Licht zu kommen droht, kann er mit Glück und der Hilfe seiner Mutter das Schlimmste gerade noch verhindern und allen Schaden reparieren. Die Trennung von Ottilie besiegelt den Bruch mit dem alten Leben und seinen falschen Idealen.
Während die Rahmenhandlung auf Grund der Ausflüge in philosophische Betrachtungen und der aus heutiger Sicht bemüht wirkenden Sprache für viele eine eher zähe Lektüre darstellen dürfte, eignen sich die kurzen Novellen ideal für alle, die zu viel Respekt vor dem großen Goethe haben, um sich auf dessen längere Texte einzulassen.
Fazit: nicht Goethes größter Wurf, aber als leichte Kost ideal, um auf den Geschmack zu kommen.