Der Untergang des Römischen Reiches ist selbst nach 1.500 Jahren noch eine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft. Unzählige Autoren haben sich seit der Spätantike um eine Erklärung dieses Vorganges bemüht. Der insgesamt nur mäßige Ertrag ihrer Arbeit hat den Oxforder Althistoriker Peter Heather nicht davon abgeschreckt, einen weiteren Anlauf zu unternehmen. Das Ergebnis ist eine fundierte, gut strukturierte und auf dem neuesten Forschungsstand stehende Geschichte des spätrömischen Reiches, die literarisch ebenso überzeugt, wie sie hinsichtlich ihrer Erklärungskraft enttäuscht.
Heather entwickelt seinen Ansatz im Anschluss an das von M. Rostovtzeff und A. H. M. Jones geprägte Bild der Spätantike. Dieser Sicht zufolge hatte die Krise des 3. Jahrhunderts zu einer verhängnisvollen Umgestaltung des römischen Staates geführt. Die Verdoppelung der bis dahin eher kleinen (nur etwa 300.000 Mann zählenden) Armee und die Aufblähung des Beamtenapparates habe die Steuerlasten derart vergrößert, dass die Vertreter der städtischen Selbstverwaltung ruiniert, die Bauern ins Elend getrieben, weite Landstriche der Verödung preisgegeben und eine nachhaltige Schrumpfung der Bevölkerung hervorgerufen worden seien. Rekrutenmangel habe die Armee gezwungen, immer mehr Barbaren anzuwerben, was ihre Loyalität und Schlagkraft beeinträchtigte und schließlich dazu führte, dass sie sich der Germanenflut des 5. Jahrhunderts nicht mehr erwehren konnte.
Indem er die Bevölkerung politisch knebelte und wirtschaftlich auspresste, habe der spätantike Zwangsstaat seine eigenen Grundlagen zerstört. Der Untergang Roms sei, so lautete die Schlussfolgerung, nur das unvermeidliche Ergebnis eines schleichenden inneren Verfalls gewesen.
Wie Heather überzeugend demonstrieren kann, ist diese Erklärung inzwischen hinfällig. Seit den Expeditionen des französischen Archäologen Georges Tchalenko in den fünfziger Jahren sei deutlich geworden, dass die meisten Territorien des Reiches wirtschaftlich nicht nur nicht verfielen, sondern im 4. Jahrhundert sogar den Höhepunkt ihrer Leistungskraft erreichten. Auch von einem Rückgang der Bevölkerung und einem Niedergang der Armee kann, so betont Heather, nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Das Reich Julians mache auf den heutigen Betrachter einen wohlhabenderen und stärkeren Eindruck als das des Augustus.
Kann die Erklärung für den Untergang Roms aber nicht in inneren Schwächemomenten liegen, muss sie, so schließt Heather, in der Erstarkung seiner Feinde gesucht werden. Auch dafür habe die Archäologie eindrucksvolle Belege zusammengetragen. Inzwischen wisse man, dass die Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden in den germanischen Nachbarregionen des Imperiums für einen kräftigen Bevölkerungszuwachs und eine Zunahme der gesellschaftlichen Stratifikation gesorgt habe. Diese Entwicklung ermöglichte es den germanischen Königen des 5. Jahrhunderts größere Stammes- und Völkergruppen zu beherrschen, als ihre Vorgänger zur Zeit des Augustus. Damit sei die Kräfterelation zwischen Römern und Barbaren so nachhaltig verschoben worden, dass die Eroberung der geographisch besonders ungeschützten westlichen Reichshälfte langfristig kaum zu verhindern war. Der Einfall der Hunnen habe diesen Vorgang nur beschleunigt.
Heather lässt keinen Zweifel daran, dass das Römische Reich nicht friedlich einschlief, sondern erschlagen wurde. Ohne äußere Angriffe würde es noch viele Jahrhunderte fortbestanden haben. Sein Zusammenbruch sei gewaltsam und plötzlich erfolgt. Noch im Jahre 467 habe man auf Rettung hoffen können. Nur zehn Jahre später, nach dem gescheiterten Versuch der Rückeroberung Nordafrikas, sei der Untergang unumkehrbar gewesen. Zeitgenössische Beobachter hätten sich der weltgeschichtlichen Tragweite der Ereignisse, die sich vor ihren Augen abspielten, durchaus bewusst sein können.
Allerdings habe es kaum eine Möglichkeit gegeben, das Schicksal zu wenden, da das Imperium auf Dauer einfach nicht die nötigen Mittel besaß, um der Barbaren Herr zu werden. Dem Rom des Augustus wäre es, so suggeriert Heather, angesichts der Völkerwanderung nicht anders ergangen.
Als Beleg dient ihm folgende Kalkulation: addiere man die wahrscheinlichen Zahlen der in dieser Zeit auftretenden Barbarenheere (Goten, Vandalen, Alanen, Sueben, Burgunder, Franken, Heruler usw.), komme man auf etwa 120.000 Krieger, denen das weströmische Reich nur knapp 80.000 Soldaten der Feldarmee (comitatenses) gegenüberstellen konnte. Trotz seiner enormen Bevölkerung (über 70 Millionen) habe das Reich nicht mehr Soldaten ausheben können, weil es schon mit dem Unterhalt der bestehenden Armee an seine ökonomischen Grenzen stieß. So sei nur allzu verständlich, dass Rom nach der Niederlage bei Adrianopel (378), in der nach Heathers Schätzung etwa 10.000 Legionäre fielen, keine größere Schlacht mehr mit den Goten riskierte und sich auf eine diplomatische Lösung einließ.
Nirgends wird die Fragwürdigkeit von Heathers Argumentation deutlicher als an dieser Stelle. In der römischen Geschichte existiert eine aufschlussreiche Parallele zum Gotenkrieg des 4. Jahrhunderts: der Einfall der Kimbern und Teutonen im späten 2. Jahrhundert v. Chr. Damals wurde nicht EINE römische Armee von den Germanen geschlagen, sondern VIER hintereinander, deren letzte nicht weniger als 80.000 Mann stark war (die 105 v. Chr. fast alle in der Schlacht bei Arausio umkamen). Dennoch dachte die römische Republik nicht daran, sich mit den Barbaren zu arrangieren, sondern stellte unverzüglich ein fünftes Heer auf, das unter der Führung des Marius die Kimbern und Teutonen schließlich schlug.
Wenn das Imperium des 4. Jahrhunderts sich bereits nach EINER Niederlage zu Verhandlungen bequemen musste, während die viel kleinere und ärmere Republik des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts selbst nach der VIERTEN noch weiterkämpfte, kann Heathers Überzeugung, es habe in Rom keinen inneren Verfallsprozeß gegeben, nicht zutreffen. Die Völkerwanderung wurde dem Imperium nur zum Verhängnis, weil es längst nicht mehr die militärische Leistungsfähigkeit früherer Zeiten besaß.
Offenbar ist Heather wie Rostovtzeff und Jones der Versuchung erlegen, aus wirtschaftlichen Daten kurzerhand ein Gesamtbild des Imperiums abzuleiten. Seine Deutung der Spätantike ist im Grunde nur eine Modifikation der von Rostovtzeff und Jones präsentierten Sicht durch Einarbeitung neuerer archäologischer Erkenntnisse. Die Vorstellung einer homogenen Gesellschaft, in der es entweder allgemeinen Verfall oder allgemeinen Fortschritt geben muss, ist jedoch ein Trugbild. Eine differenzierte Betrachtung wird mit der Möglichkeit zu rechnen haben, dass Fortschritt und Verfall einhergingen, das späte Imperium also trotz wirtschaftlicher Blüte und wachsender Bevölkerung militärisch schwächer sein konnte, als die ausgehende Republik.
Diese analytische Schwäche mindert nicht die erzählerische Leistung Heathers. Es ist ihm gelungen, die Ereignisgeschichte der Spätantike mit einer Klarheit und in einer Anschaulichkeit zu schildern, die ihresgleichen suchen. Von deutschen Historikern ist man derartiges seit langem nicht mehr gewohnt. Heathers literarisches Talent wird seine Leser darüber hinwegtrösten, dass er den Untergang des Römischen Reiches ebenso wenig erklären kann, wie die meisten seiner Vorgänger.