Wer ihn kennt, trifft ihn auf jeder Seite seines Buches wieder. Wer ihn nicht kennt, macht auf jeder Seite seine Bekanntschaft. Man könnte als Untertitel auch "Eine authentische Autobiografie" hinzufügen, denn das ist sie wirklich: Eine manchmal fast schonungslos offene, sachliche und um Ausgleich bemühte Lebensbetrachtung, die spannend geschrieben und gut zu lesen ist. So wie Sven Findeisen eben.
Seine Lebensstationen in Kürze: 1930 in Reval, Estland, geboren, wächst er mit dem selbstbewussten Stolz der Baltendeutschen auf. Die Flucht nach Kriegsende führt die Familie nach Leipzig, wo Findeisen zwar konfirmiert wird, sich aber (nach einer für ihn unverständlichen Predigt) entschließt, nie wieder eine Kirche zu betreten. In einem Internat für baltendeutsche Flüchtlingskinder in Wyk auf Föhr kommt er zum Glauben, beginnt das Theologiestudium und erlebt, was auch viele vor und nach ihm erfahren mussten: die Auseinandersetzung mit der historischen Bibelkritik hat eine persönliche Glaubenskrise zur Folge. Mit der ihm eigenen Konsequenz will er das Studium aufgeben ("Ich sank wie ohnmächtig auf die Knie und konnte nur noch stammeln: Herr ... was soll jetzt werden? Ich kann so kein Pastor sein." 111).
Doch Gott lässt nicht locker, und so erlebt er nach der persönlichen noch eine, wie er es nennt, "theologische Bekehrung" (119). Diese Begebenheit ist prägend für ihn, denn immer wieder macht Findeisen in seinem Leben die Erfahrung, dass er aus völliger Verzweiflung nur dadurch herausfindet, dass er seinen "Selbst- Sumpf" (195) verlässt, "unter das Kreuz" (222) tritt, um wieder "in Christus" (196) zu sein. Und solche Situationen gibt es in seinem Leben viele: Als Vikar bei der Seemannsmission in Stockholm, in seiner Zeit als Pastor in Neumünster, beim Aufbau der Studentenarbeit in Krelingen, während seiner Tätigkeit bei der Studienstiftung "Kein anderes Evangelium", bei der "Deutschen Evangelischen Allianz" und beim täglichen Spagat, Gemeinde, Ehe und Familie gerecht zu werden. Selbstkritisch macht er deutlich, dass eine seiner großen Stärken, sich leidenschaftlich für seine Überzeugungen zu engagieren, auch gleichzeitig immer wieder eine seiner größten Schwächen ist. Denn immer wieder stößt er mit seinem Engagement an die Grenzen der Leistbarkeit und sieht keinen Ausweg. Doch seine theologische Bekehrung hat noch eine weitere Konsequenz. Sie ist der Motor dafür, die studienbegleitende Arbeit aufzubauen. "Seelsorge auf dem Feld des Denkens" (173) wird ihm ein Herzensanliegen. Mit ganzer Kraft bis zur totalen Erschöpfung gibt er sich in diese Arbeit hinein, um den Studenten zu helfen, Denken und Glauben zu verbinden (228), das Gelernte vom Kopf ins Herz wandern zu lassen (94). Aus diesem Grund ist das Buch gerade für Theologiestudenten so lesenswert. Weil es dazu ermutigt, aus der Perspektive des Glaubens sein Hirn zu benutzen und angeblich anerkannte Fakten zu hinterfragen, weil es dazu anhält, den Dingen geistlich und geistesgeschichtlich auf den Grund zu gehen. Es macht "Mut zur Krise" (125).
Die Lektüre dieser Biografie ist aber auch ein Tipp für Nichttheologen. Denn sie ist - neben aller Theologie - eben auch die spannende Lebensgeschichte eines Ehemannes, Vaters, Christen, der an seiner Lebenserfahrung Anteil gibt. Und damit bin ich wieder am Anfang dieser Rezension, bei der "authentischen Biografie": Sven Findeisen ist so, wie er schreibt: so sorgfältig in seiner Wortwahl, so gründlich beim Durchdenken von Sachverhalten, so leidenschaftlich bei allem was er tut, so ehrlich beim Erzählen von eigenen Fehlern, um andere daraus lernen zu lassen. Darum ist dieses Buch so mit Gewinn zu lesen. Weil es Mut macht, sich für seine(n) Beruf(ung) zu begeistern, unkonventionelle, unbequeme Wege zu gehen, weil es zeigt, dass Gott auch da Segen schenken kann, wo wir versagen oder straucheln.
"Unter dem weiten Bogen" heißt die Autobiografie, und der Titel ist in sehr verschiedener Hinsicht passend. Zunächst stellt Findeisen Ereignisse stets in ihren Zusammenhang: Wo kommt etwas her, wo führt es hin- wo fängt der Bogen an, wo hört er auf? So sucht er z.B. nach einer Erklärung für die "frustrierte Autoritätsund Wohlstandsverweigerung" der verwöhnten Wirtschaftswunder-Kinder, die das Engagement der Kriegsgeneration ("Ihr sollt es doch mal besser haben als wir") nicht wie gewünscht würdigt: "Wenn Autorität die Fähigkeit meint, etwas wachsen zu lassen - was war in der jüngsten Vergangenheit durch die ältere Generation gewachsen? Darüber konnte sie nicht sprechen, ja nicht einmal nachdenken. Nicht selten fuhr der Vater mit schrillen Schreien aus dem Schlaf unter den entsetzlichen Albträumen seiner Fronterlebnisse. Der Wohlstand ringsum erwies sich als Hohlstand, der Abgründiges übertünchte. Das erzeugte Angst, aus der Aggressionen erwuchsen, bis zum blanken Hass. Woher kam das? Dem äußeren Aufbau entsprach keine innere Bereinigung und Erneuerung. Wo führte es hin?" (159) Des weiteren ziehen sich verschiedene thematische und sprachliche Bögen durch sein Buch. So benutzt er z.B. immer wieder das Bild des gefangenen Vogels als Metapher für seine Glaubenskrisen: "Längst war die Zeit vergessen, in der 'die Bibel mich las'. Wenn ich sie jetzt las, sah ich nur noch Probleme in ihr, und die legten sich über meinen jungen Glauben wie die Fäden eines Netzes über den kleinen Vogel. Er ist darunter noch nicht tot, aber er kann dort nur
noch zappeln und hilflos flattern. Von sich aus kommt er nicht mehr frei." (102). Vor allem das Bild des Kreuzes tritt dem Leser immer wieder vor Augen, mal als Ganzes, z.B. während einer Krise in Krelingen: "Unsere Schwierigkeiten trieben uns stattdessen zu Jesus Christus. Sie waren seine Sache. Unsere Aufgabe war es, sie "unter das Kreuz" zu bringen - und auch dort zu lassen."(252). Meist allerdings ist das Kreuz in seine beiden Teile, die Horizontale und die Vertikale aufgeteilt, um zu verdeutlichen, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt: "So war ins vertikale Vakuum der späten Aufklärung eine neue Wert-Achse eingezogen: das 'Heil durch
Hitler'" (49) oder "In unserer nachchristlichen Kultur war die sinn- und wertgebende Vertikale durch die Horizontale ersetzt worden, die den Sinn nicht geben kann." (179). Der wichtigste Bogen ist aber wohl der große "Bogen Gottes", unter dem Findeisen rückblickend sein Leben mit dankbarem Herzen betrachten kann - auch wenn man als Leser zwischenzeitlich eher das Gefühl einer Achterbahnfahrt hat. Das Buch endet mit der Beschreibung einer Foto-Collage, die er von seinen Kindern zum 70. Geburtstag geschenkt bekam. In ihr findet sich dieser Bogen wieder: "Die Bilder von meiner Frau und mir, zusammen mit unseren Kindern, werden von einem grünen Hintergrund getragen - dem Chagall-Grün des aufkeimenden, blühenden,
dann Frucht bringenden, aber danach wieder vergehenden Lebens. Über uns spannt sich der Friedensbogen Gottes aus Chagalls Bild vom Ende der Sintflut, aber der ist verblüffenderweise - weiß! Zwischen unseren Bildern erscheint unter dem Friedensbogen Chagalls eigenes Elternhaus als Brandopferaltar! Quer über seinem Dach liegt das Opferlamm. Weißer Rauch steigt von ihm empor, verdichtet sich und wird zum alles überspannenden weißen Friedensbogen. Für die kommenden Zeiten und Generationen sehe ich keinen anderen Weg als diesen: 'Sie haben überwunden durch des Lammes Blut', indem sie lernten 'ihren Leib darzustellen im Opfer'" (302f.)
Abschließend noch ein Satz über Sven Findeisens verstorbene Frau Ruth. Als ich das Buch in den Händen hielt, las ich als erstes die Widmung und stellte mit Erstaunen fest, dass es nicht ihr gewidmet ist. Doch dieses Erstaunen löste sich beim Lesen auf. Es wird schnell deutlich: sein Leben war auch ihr Leben und umgekehrt. Ohne viele Worte wird klar: Ruth Findeisen hat durch ihre Unterstützung, durch die Gewährung von Freiräumen einerseits und drastisches Eingreifen andererseits Sven Findeisens aufregendes und engagiertes Leben erst ermöglicht. Und gerade weil Findeisen nicht ständig dankend erwähnt, welch großer Anteil an seinem Leben seiner Frau gebührt, sondern weil es selbstverständlich anerkennend zwischen den Zeilen steht, wird so wunderschön deutlich: Sie haben sich gegenseitig ihr Leben gewidmet.
Agnete Knauer
Ichthys 36 (2003), 52f