Zu Beginn muss einmal für alle, die David Cordingly Kenntnis und Sachverstand in maritimer Materie absprechen wollen, klar und deutlich gesagt werden, dass dieser Mann eines nicht ist: nämlich ein Laie.
Cordingly ist studierter Marinehistoriker und war lange Zeit Ausstellungsleiter und Leiter der Gemäldeabteilung des National Maritime Museum in Greenwich, wohl eines der - wenn nicht DAS renommierteste Museum für nautische Geschichte. Er hat sich jahrzehntelang mit Piraten und Piraterie beschäftigt. Zusammen mit dem Schotten Angus Konstam ist Cordingly *die* Autorität auf diesem Gebiet. Beim Dreh der "Fluch der Karibik"-Filme wirkte er beratend mit, was Ausstattung und Schauplätze angeht.
Das gesagt, sei als nächstes angefügt, dass auch ein Fachmann und Kenner der Materie nicht vor Flops gefeit ist, und ein solcher ist wohl mit diesem Buch passiert.
"Unter schwarzer Flagge" erschien bereits vor einigen Jahren als "Under the black flag" im englischen Sprachraum und war ein sehr erfolgreiches - und letztlich auch ganz anderes Buch. Nach dem Erfolg der "Fluch der Karibik"-Filme fehlte in Deutschland ein gutes, seriöses Piratenbuch. So hat man also "Under the black flag" übersetzt und - jetzt kommt der Knackpunkt - vermischt mit anderen Werken Cordinglys zum Thema, zum Beispiel "History of the Pirates", das er zusammen mit Angus Konstam geschrieben hat, oder " Seafaring Women". Das gleiche ist mit dem anderen auf Deutsch erhältlichen Piratenbuch Cordinglys passiert, nämlich mit "Piraten. Furcht und Schrecken auf den Weltmeeren", das in einer älteren Ausgabe schon länger bei uns verfügbar war; jedoch kürzlich neu aufgelegt und auch nochmal erweitert wurde, und zwar um Kapitel aus dem englischen "Pirates: Predators of the Seas: An Illustrated History".
Und so ergibt es sich, dass in einem einzigen Buch, aktuell "Unter schwarzer Flagge" scheinbar endlose Wiederholungen vorkommen: Nämlich da, wo man im Prinzip ein Buch ans andere geklatscht hat ohne vorher auszusortieren, was schonmal da war.
Das ist nicht Cordingly vorzuwerfen, sondern der mangelhaften deutschen Zusammenstellung. Ansonsten ist das Buch flüssig geschrieben bzw. gut übersetzt. Verzeihung, aber die 'mangelnde' Übersetzung von Begriffen wie "Breitseite" oder "Reffen" ist kein Kritikpunkt, da im Buch wirklich keine nautische Fachsprache verwendet, sondern tatsächlich in recht einfachen Termini gesprochen wird. Ganz vermeiden lassen sich nautische Ausdrücke in einem Buch über Piraterie natürlich nicht (!), jedoch sind sie wenn dann selbsterklärend - dass man nicht nur Segel refft oder eine Breitseite nicht nur auf ein feindliches Schiff abfeuert...also, das sind doch eigentlich schon fast Worte des täglichen Sprachgebrauchs. Wer etwas wie ein Glossar seefahrerischer Begriffe sucht ist hier natürlich falsch, denn über alles, was im Text erklärt wird, gibt es weiter hinaus kein Worterklärungsregister im Anhang.
Das Buch bietet einen guten Überblick von den Anfängen der Piraterie (die man sich meiner Meinung nach manchmal sparen könnte, aber gut) bis hin zum klassischen "Goldenen Zeitalter", wobei eher Wert gelegt wird auf eine möglichst authentische Darstellung der Lebensumstände, anstatt wieder einmal stur Biographien berühmter Kapitäne herunterzubeten (wobei natürlich auch der ein oder andere berühmte Pirat angesprochen wird) - aber das Buch ist eben auch nicht mehr als das: ein Überblick.
Und da liegt der zweite Knackpunkt: Für Einsteiger ist "Unter schwarzer Flagge" vielleicht doch schon zu weit in der Materie; für Kenner aber nicht weit genug, und so wird Ersterer sich vielleicht von der eher 'geschichtlich'-trockenen denn biographisch-abenteuerlichen Schreibweise abgeschreckt fühlen; Zweiterer aber, auch bedingt durch den deutschen Zusammenführungspfusch, eine Wiederholung von altbekannten Fakten vorfinden. Es bleibt der Beigeschmack einer nicht ganz geglückten Mischung zwischen populär und wissenschaftlich; zwischen Bilderbuch und Abhandlung.
Dennoch: Nicht alles an "Unter schwarzer Flagge" ist schlecht, und wer sich für Piraten interessiert (und nicht ganz so gut Englisch spricht, um die Originalfassungen zu lesen), der kann im Prinzip nicht daran vorbei, da es eines der (noch) wenigen ernsten Bücher zum Thema ist. Sowohl Laie als auch Kenner können in diesem Buch schnell einige wichtige Stichpunkte nachschlagen oder einfach mal kapitelweise schmökern.
Aus diesem Grund: Drei von fünf Rumbuddeln.
Für alle anderen empfehle ich
Under the Black Flag: The Romance and the Reality of Life Among the Pirates,
Pirates: Predators of the Seas: An Illustrated History,
The History of Pirates,
Heroines and Harlots: Women at Sea in the Great Age of Sail oder
Seafaring Women: Adventures of Pirate Queens, Female Stowaways, and Sailors' Wives.