Schon seit ihrem Bestseller "Tochter der Wälder" weiß man, dass der Name Juliet Marillier für historisch-phantastische Literatur steht, die (bisher immer) mit einem großen Schuss Romantik angereichert ist. Wer also heroische Sword & Sorcery erwartet, wird hier nicht bedient. Die Australierin schreibt vielmehr stilistisch anspruchsvolle Fantasy, die ihr Hauptaugenmerk auf ein stimmungsvolles Setting und interessante Charakter legt. Durch ihre Romane, die (fast) alle auf den britischen Inseln des 5. und 6. Jahrhunderst spielen, ziehen sich keltische Mythen und Märchenelemente wie ein roter Faden. Und (beinah) immer steht eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt der Handlung.
Eine direkte Märchenvorlage habe ich in "Die Königskinder", dem ersten, in sich abgeschlossenen Band ihrer Trilogie "Unter dem Nordstern", nicht direkt erkennen können. Vielmehr hat Marillier für die Handlung, die im Schottland des frühen Mittelalters angesiedelt ist, tief aus dem keltischen Sagen- und Glaubensschatz geschöpft und daraus eigene Mythen entwickelt. Durchgehend präsent, wenn auch hauptsächlich vor den meisten Protagonisten verborgen, ist das "Gute Volk", das große Feen-Geschlecht der Anderswelt der Kelten.
Die weibliche Hauptfigur des über 700 Seiten starken Romans, Tuala, könnte ein Kind des Guten Volkes sein. Bridei, der junge Zögling eines Druiden, findet sie als Säugling in der Mittwinternacht ausgesetzt vor der Tür und nimmt sich ihrer an. Dies ist der Beginn einer ungewöhnlichen, tiefen Freundschaft, die von Brideis Lehrmeister alles andere als gern gesehen wird.
Auf beide Charakter wartet eine Zeit schwerer Prüfungen:
Bridei soll eines Tages König des Landes werden, ein Vorhaben, dass von einer kleinen, geheimen Gruppe Gefährten bereits seit Jahren geplant wird.
Tuala hat es vielleicht noch schwerer: sie will einfach nur ihren Platz in der Welt finden, doch gerade das scheinen ihr andere als "Kind des Guten Volkes" nicht gewähren zu wollen.
Gefährten von Kindesbeinen an, vertrauen die beiden sich wie keinem anderen.
Doch dann trennen sich ihre Wege: Bridei soll sein Können als zukünftiger Herrscher in einer Schlacht gegen die Gälen unter Beweis stellen, Tuala sieht sich gezwungen, in den Norden nach Banmerren zu gehen, einer Feste, in dem die Weise Frau Fola junge Frauen sowohl in praktischen Dingen als auch geheimen Künsten unterrichtet.
Und schließlich ist da noch das Gute Volk, dass sich immer wieder unbemerkt einmischt und sowohl Bridei als auch Tuala ihren eigenen Prüfungen unterzieht.
Marillier beschreibt wie gewohnt bildgewaltig:
Die Figuren sind liebevoll gezeichnet - wenn auch manchmal ein bisschen fast zu perfekt - der schottische Schauplatz lebt vor dem inneren Auge dank gekonnter Beschreibungen. Auch die eigenen Mythen und Rituale, die sie für den Roman entwirft - wie der Dunkle Spiegel (ein See der Visionen), das geheimnisvolle Ritual des Tortages und der düstere Brunnen der Schatten - wissen zu faszinieren.
Das Volk der Feen bleibt überraschend undurchsichtig und geheimnisvoll.
Der Roman hat seine ruhigen Momente, die Spannung steigert sich aber gerade in letzten Drittel konsequent.
Der Vergleich mit Marion Zimmer Bradley und den "Nebeln von Avalon" hinkt aus meiner Sicht allerdings ein bisschen. Das Genre - historisch-phantastische Literatur - mag zwar das gleiche sein, Juliet Marillier konzentriert sich aber eher auf Märchenelemente und die Romantik, wo sich MZB eher auf keltische Rituale und Sagenmotive und die Rolle der Frau als Priesterin konzentriert hat. Ich persönlich liebe beide Formen, käme aber nicht auf die Idee, beide direkt zu vergleichen. Und das ist auch gar nicht notwendig. Marillier muss sich nicht hinter einem großen Namen verstecken, sie hat sich den ihren schon längst verdient.
Nachdem sie meiner Meinung nach mit ihrer Saga um die Hellen Inseln ein bisschen geschwächelt hat, hat sie mit "Unter dem Nordstern" zu ihrer Form zurückgefunden und einen für sich allein stehenden Trilogie-Auftakt geschaffen, der ganz in der Tradition ihrer Sevenwaters-Romane steht.
Erfreulich ist auch, dass das Buch sehr stimmungsvoll übersetzt ist und sich gut lesen lässt! Danke dafür, denn leider wimmelt es auf dem Fantasy-Markt ja nur so von schlechten Übersetztungen. Dies ist hier augenscheinlich nicht der Fall (wobei ich das australische Original nicht selbst gelesen habe).
Auf die Fortsetzungen (Band 2 ist mit "Die Herrscher von Fortriu" betitelt) bin ich schon gespannt!