Ich war sehr gespannt darauf, einen Krimi zu lesen, der von allen meinen Vorgängern glatte 5 Punkte erhielt. Daraufhin kaufte ich mir das Buch und las es auch innerhalb von 1 1/2 Tagen durch.
5 Punkte kann ich allerdings nicht vergeben. Vielleicht, weil der Roman zu perfekt ist. Das klingt vielleicht seltsam, aber ich hatte den Eindruck, dieser Krimi ist wie nach dem Lehrbuch geschrieben - alles stimmt, die Charaktere sind rund, haben Tiefe, alle leiden, sind gebrochen, haben Ziele, in jeder Szene gibt es einen Konflikt, die Dialoge sind griffig, stimmig, der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll, die Plots stimmen, alle haben an der richtigen Stelle Haken, Komplikationen, Überraschungen, Zuspitzung, Höhepunkt etc.
Und spannend ist der Krimi auch, die Auflösung am Schluß ist durchaus adäquat.
Warum, fragte ich mich, bin ich dann nicht wirklich begeistert?
Vielleicht, weil mich die Figuren nicht wirklich fesseln konnten, einzige Ausnahme: die alte Frau mit dem Schäferhund. Ich hatte das Gefühl, die Autorin hat den Plot und die Charaktere auf dem Reißbrett entworfen, zwischen ihr und ihnen befindet sich eine unsichtbare Wand, die auch den Leser auf Distanz hält. Man liest das Buch merkwürdig unberührt.
Da ist zum Beispiel der junge Tim, ein typisches Schul-Mobbing-Opfer. Seine Geschichte, seine Gefühle werden sehr genau geschildert, dennoch identifiziert man sich als Leser nicht wirklich mit ihm. Möglicherweise liegt das auch an der immensen Wortgewalt, die hier dem Leser um den Kopf fliegt. Das war, neben der Distanz zu den Figuren, das, was mich wohl am meisten gestört hat an diesem Buch. Zweifellos ist der Schreibstil sehr flüssig und eloquent. Aber die Gewalt der Wörter ist erdrückend, die Sätze purzeln nur so wie eine Lawine aus Steinen dem Leser ins Gesicht, kurze Sätze, lange Sätze, jede Menge Substantive, jedes noch so kleine Gefühlchen, jeder Gedanke, jede Empfindung einer Figur wird umfassend beschrieben. Irgendwann stumpft man als Leser dagegen ab und liest selektiv - nicht mehr jedes Wort, sondern nur noch das, was die Geschichte tatsächlich weiterbringt, wird erfasst.
Es ist auf jeden Fall kein schlechtes Buch, durchaus spannend, und wer Spaß an einem sehr wortgewaltigen Schreibstil hat, wird sicher nicht viel an diesem Krimi auszusetzen haben.