Unter afrikanischer Sonne: Meine Kindheit in Simbabwe und über 1 Million weitere Bücher verfügbar für Amazon Kindle . Erfahren Sie mehr

Gebraucht kaufen
Gebraucht - Sehr gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 3,89

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Unter afrikanischer Sonne: Meine Kindheit in Simbabwe
 
 
Beginnen Sie mit dem Lesen von Unter afrikanischer Sonne: Meine Kindheit in Simbabwe auf Ihrem Kindle in weniger als einer Minute.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Unter afrikanischer Sonne: Meine Kindheit in Simbabwe [Taschenbuch]

Alexandra Fuller , Sabine Roth
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Alexandra Fuller beschreibt ihr Leben als weißes Mädchen in Afrika mitreißend, spannend und anrührend." (Sat1 )

Kurzbeschreibung

Alexandra Fuller ist zwei Jahre alt, als ihre Eltern zu Beginn der Siebzigerjahre beschließen, England zu verlassen und nach Rhodesien, das heutige Simbabwe, auszuwandern. Es ist ein hartes Leben, das die Fullers auf ihrer Farm erwartet, und bereits als kleines Mädchen muss Alexandra viele tragische Schicksalsschläge hinnehmen. Dennoch empfindet sie eine tiefe Verbundenheit mit diesem exotischen Land, das ihr immer auch ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit zu geben vermag...

Klappentext

"Obwohl es sich um ein Tagebuch handelt, das ein wildes Leben an einem oftmals ungastlichen Ort erzählt, ist es von Fullers einzigartiger Fähigkeit durchdrungen, Lachen herbeizuzaubern, auch wenn es in manchen Momenten eigentlich keinen Grund dafür gibt ... Ein liebevoll umgesetztes Porträt, ein Spiegelbild echter Gefühle."
ab 40

"Eine eindeutige Liebeserklärung an Afrika. Und der Leser wird davon unweigerlich angesteckt: In Erinnerung bleiben eine geheimnisvolle Atmosphäre und der Wunsch, dieses Stück Erde selbst kennen zu lernen."
Radio Galaxy

"Als Leser sieht, fühlt und riecht man förmlich, was Alexandra Fuller erlebt hat! Dieses Buch ist eine Hymne an das Leben, mit all seinen Schrecken und all seiner Schönheit."
Elle

Über den Autor

Alexandra Fuller wurde 1969 in England geboren. Als sie zwei Jahre alt war, wanderte ihre Familie nach Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, aus. Auf der Flucht vor den Bürgerkriegsunruhen verschlug es die Fullers 1981 zunächst nach Malawi, dann nach Sambia. 1994 verließ Alexandra Fuller Afrika, um in Kanada und Schottland zu studieren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Wyoming, USA. Ihr erstes Buch, »Unter afrikanischer Sonne«, löste eine euphorische Presseresonanz aus und wird als ein neuer Klassiker autobiographischer Literatur gefeiert.

Auszug aus Unter afrikanischer Sonne. Meine Kindheit in Simbabwe von Alexandra Fuller, Sabine Roth. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

RHODESIEN 1976

Mum sagt: »Dass du nachts bloß nicht zu uns reingeschlichen kommst!«
Sie schlafen jeder mit einem geladenen Gewehr neben dem Bett.
»Erschreck uns nicht, wenn wir schlafen.«
»Aber...«
»Nachher erschießen wir dich noch.«
»Oh.«
»Aus Versehen.«
»Na gut.« Es klingt,als könnte ich durchaus auch mit Absicht erschossen werden. »Gut, dann lass ich's.«
Wenn ich also nachts wach werde und Mum und Dad brauche, rufe ich Vanessa, weil die nicht bewaffnet ist. »Van! Van, he!«, zischle ich quer durchs Zimmer, bis sie aufwacht. Und dann muss sie eine Kerze anzünden und mich zum Klo begleiten, wo ich schlaftrunken im gelben Flackerschein pinkle, während Vanessa die Ecken nach Schlangen und Skorpionen und Pavianspinnen ableuchtet.
Mum tötet keine Schlangen, angeblich, weil die Schlangen uns helfen, mit den Ratten fertig zu werden (aber die Mäusejungen aus dem Nest in der Scheune hat sie gerettet und in meinem Kleiderschrank einquartiert, wo sie Löcher in sämtliche Winterpullover gefressen haben). Skorpione tötet Mum auch nicht, sondern fängt sie und lässt sie im Schwimmbecken frei, und Vanessa und ich müssen sie vor dem Schwimmen mit einem Rechen herausfischen. Wir schleudern sie so weit wir nur können ins braune, verdorrte Gras, scheuchen die Enten und Gänse
aus dem Wasser, und dann erst steigen wir zaudernd in das Becken mit seinen weichen, grünen, klammernden, algenwogenden Wänden. Und Spinnen tötet Mum deshalb nicht, weil das Unglück bringt.
»Wir haben doch schon jede Menge Unglück«, sage ich.
»Na siehst du, willst du, dass es noch schlimmer wird?«
Ich pinkle mit hochgezogenen Füßen.
»Mann, jetzt beeil dich.«
»Tu ich ja schon.«
»Sind das die Viktoria-Fälle, oder was?«
»Ich musste echt dringend.«
Ich habe es mir eine Ewigkeit lang verkniffen und auf das Fenster gestarrt,ob nicht bald Morgen wird. Vielleicht halte ich ja doch durch. Aber der Himmel ist pechschwarz, es ist die finsterste, stummste Zeit in der ganzen Nacht, genau in der Mitte zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, wenn sogar die Nachttiere still sind (so als würden sie,wie die Tiere am Tag, auf halber Strecke Siesta machen). Vanessa atmet lautlos, eingehüllt in ihr allertiefstes Nachtschweigen. Von Dad kein Schnarchen, kein Schimpfen im Schlaf. Das Baby in seinem Bettchen
rührt sich nicht,nur der Geruch kommt herüber,warmer,dunstiger Nasse-Windel-Geruch. Bis zum Morgen ist es noch lang.
Danach gibt Vanessa mir die Kerze - »Jetzt stehst du für mich Wache« - und pinkelt auch.
»Siehst du, du musstest selber.«
»Aber bloß, weil du musstest.«
Heiße Luft drückt zum Fenster herein; die Nachtkühle sinkt schwer nach unten und vertreibt die Hitze, in der noch die letzten Gerüche des Tages gefangen sind:der süßliche Gestank des Sickerfeldes, die grüne Lauge,die aus dem Waschzuber auf
die festgetretene rote Erde geschwappt ist, der Holzrauch von dem Feuer, das unser Wasser heizt, das köchelnde Hundefleisch.
Wir erörtern das Für und Wider des Spülens.
»Wir sollen kein Wasser verschwenden.« Selbst wenn keine Dürre herrscht,müssen wir Wasser sparen,für die nächste Dürre.
Und Dad hat gerade wieder gesagt: »Übertreibt's nicht mit dem Klopapier, ihr zwei. Und spült gefälligst nicht so viel. Das Sickerfeld packt das nicht.«
»Aber wir waren beide.«
»Ja und? Ist doch nur Pisse.«
»Agh sis, Mann, aber bis morgen früh stinkt's dann. Und du hast gepisst wie ein Pferd.«
»Kann ich doch nichts dafür.«
»Du spülst.«
»Du bist größer.«
»Ich leuchte dir.«
Van hält die Kerze in die Höhe. Ich klappe den Deckel zu, stelle mich drauf, stemme den Holzklotz hoch, der die Zisterne abdeckt, und angle nach der Kette. Mum hat ein Bild aus einem Männermagazin auf den Holzklotz geklebt: eine halbnackte Blondine mit einem Busen wie ein Kuheuter, die mit komischem Schmollblick ein Hohlkreuz macht, als hätte sie Rückenschmerzen. Wäre ja auch kein Wunder, bei dem Euter. Das Bild ist aus dem Scope-Magazin.
Das Scope-Magazin dürfen wir nicht anschauen.
»Warum nicht?«
»Weil unsereins so was nicht tut«, sagt Mum.
»Aber bei uns im Klo klebt doch ein Bild aus Scope.«
»Das soll ein Witz sein.«
»Ach so.« Und dann: »Was für ein Witz?«
»Frag mir keine Löcher in den Bauch.«
Pause. »Was heißt unsereins?«
»Dass wir aus einem guten Stall sind«, sagt Mum fest.
»Aha.« Wie die Milchkühe und unsere sündteuren Zuchtbullen (die auf die Namen Humani, Jack und Bulawayo hören).
»Und das ist mehr wert als Geld.«
Ich sehe sie von der Seite an, während ich mir das durch den Kopf gehen lasse. »Mir wäre Geld lieber«, sage ich.
Mum sagt: »Geld kann jeder haben.« Als wäre es etwas, das man sich in der öffentlichen Toilette im Okay-Bazaar-Laden in Umtali holen kann.
»Aber wir haben keins.«
Mum seufzt. »Ich versuche zu lesen, Bobo.«
»Liest du mir vor?«
Mum seufzt noch einmal. »Na gut«, sagt sie, »aber nur ein Kapitel.« Trotzdem wird es Teezeit, bevor wir »Prinz und Bettelknabe« weglegen.
In der Zisterne gurgelt und spuckt es, und dann donnert ein Sturzbach herab und schwappt über den Schüsselrand.
»Sis, Mann«, sagt Vanessa.
Bei diesem Klo weiß man nie. Manchmal tut sich gar nichts, und dann plötzlich steht man im Wasser, wie jetzt.
Ich tappe hinter Vanessa ins Kinderzimmer zurück. Der Kerzenschein blendet, es ist, als würden wir in vollkommene Schwärze hineingehen, sogar unsere Füße sind unsichtbar, und beide zugleich packt uns das Gruseln, diese nackenprickelnde,
alles überwältigende Gewissheit, dass unterm Bett ein Terrorist lauert. Die Kerze verlischt. Wir hetzen ins Zimmer, retten uns in unsere Betten, ziehen hastig die Füße an - beide keuchend, beide beschämt - und versuchen, ganz ruhig zu atmen, als hätten wir uns niemals gefürchtet.
Vanessa sagt: »Unter deinem Bett ist ein Terrorist, ich kann ihn sehen.«
»Kannst du überhaupt nicht. Wie denn, ohne Kerze?«
»Ich seh ihn eben.«
Und ich heule los.
»Mann, das war doch bloß Spaß.«
Ich heule noch lauter.
»Pscht, Mann. Du weckst Olivia. Du weckst Mum und Dad.«
Genau das will ich ja, ohne erschossen zu werden. Alle sollen wach werden und Lärm machen, damit der Terrorist unter meinem Bett verjagt wird.
»Komm jetzt«, sagt sie, »du kannst auch Fred haben, wenn du nur Ruhe gibst.«
Also gebe ich Ruhe, und Vanessa patscht über den nackten Betonboden und bringt mir den Kater, der auf ihrem Arm weiterschläft, zusammengerollt wie eine Schnecke in ihrem Haus. Sie deponiert ihn auf meinem Kopfkissen, und ich lege
die Hand auf seinen vibrierenden, schnurrenden Bauch. Fred streckt sich und fängt an, an meinem Ohrläppchen zu schlecken. Das macht er immer. Um die Ohren haben Vanessa und ich klebrige, verfilzte Zotteln statt Haaren.
»Kein Wunder, dass ihr ständig Würmer habt«, sagt Mum.
Mit dem Kater im Arm liege ich da, wach und wartend, während die afrikanische Morgendämmerung das Zimmer mit ihren Geräuschen zu füllen beginnt, Tierstimmen, die Bediensteten, Dad beim Aufstehen, ein Traktor, der sich irgendwo unten bei der Werkstatt aus dem Schlaf tuckert. Die Bantamhühner krähen und recken sich und schwirren dann von ihrem Schlafbaum vor dem Bad herab, um gegen ihre Spiegelbilder in der Fensterscheibe zu picken. Mum kommt herein, nach Erkältungsbalsam und Tee und Bettwärme riechend, und hebt das schlafende Baby an ihre Schulter.
Ich kann July auf der Veranda die Teetassen decken hören, und dann weht der erste, brenzlige Duft von Dads Morgenzigarette zu mir herein. Ich schultere Fred und gehe mir meinen Tee holen: stark, ohne Zucker, mit einem Schuss Milch, wie
Mum ihn mag. Fred bekommt Milch in einer Untertasse.
»Morgen, Chookies«, sagte Dad, ohne mich anzuschauen, und raucht weiter. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet, auf die Berge, wo die Grenze zwischen Rhodesien und Mosambik blaugrau verschwimmt, selbst jetzt, in der dunstlosen
Frühe.
»Morgen,Dad.«
»Gut geschlafen?«
»Wie ein Stein«, sage ich. »Du?«
Dad grunzt, drückt seine Zigarette aus, leert seine Teetasse, stülpt sich den Safarihut über den Schädel und stiefelt in den Hof hinaus,um das Restchen Kühle zu nutzen,das uns von der Nacht noch geblieben ist, Wegzehrung in der suppig sich verdickenden Hitze des Tages.

ANKÜNFTE
SAMBIA 1987
Zu Beginn, vor der Unabhängigkeit, gehe ich auf eine Schule nur für weiße Kinder. Eine A-Schule. A-Schulen sind Vorzugsschulen mit den besten Lehrern und den meisten Möglichkeiten. Die schwarzen Kinder gehen auf C-Schulen. Alle übrigen (indische und Mischlingskinder) gehen auf B-Schulen.
Als meine Schule nach Kriegsende für Inder und Farbige (»farbig« heißt, weder so ganz das eine noch das andere) und für Schwarze geöffnet wird, bin ich elf. Die Schwarzen lachen mich aus, wenn sie mich nach dem Schwimmen oder nach dem Tennisspielen ohne Kleider sehen, mit meinen krebsrot verbrannten Schultern und Armen.
»Hier stinkt's nach Grillfleisch!«, rufen sie.
»Wer hat den Speck anbrennen lassen?«
»Spanferkel! Spanferkel!«
O Gott, ich habe die falsche Hautfarbe. Die Sonne verbrennt mich, fliegender Sand versengt mich, die Hitze sticht auf mich ein. Auf meiner Haut brechen kleine Vulkane aus, wenn Tsetse-Fliegen, Moskitos oder Zecken auch nur in der Nähe sind.
Jedem Kaffer mit Knarre muss ich im grünbraunen Busch ins Auge springen wie ein überdimensionaler Marshmallow. Weiß. Afrikanisch. Weißafrikanisch.
»Was bist du denn nun?«, werde ich immer wieder gefragt.
»Wo bist du ursprünglich her?«
Ursprünglich? Bin ich einem heißen, trockenen Schiff entstiegen.
Ungläubig zu den Fenstern eines Zugs hinausblinzelnd.
Frisch eingetroffen in Rhodesien, Afrika. Aus Derbyshire, England. Zwei Jahre alt, verschreckt, Babysprache sprechend.
Meine Lungen bedrängt von zäher, heißer Luft. Meine Sinne überschwemmt von einer Flut von Reizen.
Ich sage: »Ich bin afrikanisch.« Aber nicht schwarz.
Und ich sage: »Geboren bin ich in England«, versehentlich.
Aber: »Ich habe in Rhodesien gelebt, das jetzt Simbabwe heißt, und in Malawi, das früher Njassaland hieß, und in Sambia, das früher Nordrhodesien war.«
Und ich füge hinzu: »Jetzt lebe ich in Amerika«, durch Heirat.
Und (volles Geständnis): »Aber meine Eltern sind schottischer und englischer Abstammung.«
Was macht das aus mir?
Mum weiß auch nicht, wer sie ist.
Irgendwann hat sie die ganze Nacht lang schottische Musik gespielt und dazu geheult.
»Diese Musik«, ihre Nase zuckt, »ist so wunderschön. Ich krieg solches Heimweh davon.«
Mum hat bis auf drei Jahre durchgehend in Afrika gelebt.
»Deine Heimat ist doch hier.«
»Aber mein Herz«, sie versucht sich auf die Brust zu schlagen, »ist schottisch.«
Himmelarsch. »Du hast England gehasst«, gebe ich zu bedenken.
Mum nickt, ihr Kopf schlackert wie bei einem Huhn, dem man den Hals umgedreht hat.
»Richtig«, sagt sie. »Aber Schottland liebe ich.«
»Und was«, frage ich streng, »liebst du an Schottland?«
»Ach, das... den...« Mum stiert mich stirnrunzelnd an, sie vermutet eine Falle. »Die Musik«, sagt sie schließlich und fängt wieder zu weinen an. Mum hasst Schottland. Sie hasst das Alkoholverbot am Steuer und die Kälte. Bei Kälte muss sie immer weinen, und dann bekommt sie Malaria.
Sie hat die Augen auf Halbmast. So nennen meine Schwester und ich es, wenn Mum betrunken ist und ihr die Lider zufallen. Augen auf Halbmast. Wie die Flagge vor dem Postamt, wenn jemand Bedeutendes gestorben ist, was in Sambia, so wie die Dinge stehen, alle vierzehn Tage der Fall ist. Mum starrt auf die Weide hinaus, wo die heimkommenden Kühe sich um den Trog neben dem Stall versammeln. Die Sonne
hängt rund und schwer über den Hügeln, der Grenze nach Zaire. »Trink einen Schluck mit mir«, fordert Mum mich auf. Sie will auf den Stuhl neben ihrem klopfen, verfehlt ihn und schlägt ein Luftloch, ihr Arm baumelnd wie ein abgeknickter Flügel.
Ich schüttle den Kopf. Normalerweise habe ich nichts dagegen, mir einen sachten Schwips anzutrinken, während Mum neben mir langsam in sich zusammensackt, aber morgen muss ich zurück ins Internat, neun Stunden im Pick-up über die Grenze nach Simbabwe. »Ich muss noch packen, Mum.«
Den Nachmittag über war sie stundenlang damit beschäftigt, zehn Meter Kabel zwischen den Ästen im Garten durchzuwinden, damit sie den BBC World Service empfangen kann.
Die Erkennungsmelodie knistert durch das sirupgelbe Nachmittagslicht, als die Sonne gerade die Wipfel der Msasa-Bäume erreicht hat. »Lillibulero«, sagt Mum. »Das ist irisch.«
»Du bist nicht irisch«, wende ich ein.
»Sagt ja auch keiner«, pariert sie. Und dann, apropos: »Wo ist der Whisky?«

Wir müssen die »Lily-Bolero«-Erkennungsmelodie tausendmal gehört haben. Vielleicht Millionen Mal. Vor und nach den Nachrichten. Zu jeder vollen Stunde. Krachend und knisternd von Störgeräuschen durch den Garten daheim. Fremd und fehl am Platz aus den Akazienzweigen um unser Zeltlager irgendwo im Busch. Abends in der Badewanne gesungen.
Aber bei Mum reicht oft schon viel weniger aus. Möglicherweise ist es Lily Bolero im Verein mit der Tageszeit, der gesättigten,süßen,Kühle verheißenden Spätnachmittagsmelancholie.
»Dein Vater stammt aus England«, erinnere ich sie, um das Ruder vielleicht doch noch herumzureißen.
Darauf sie:»Und wenn schon. Schottisches Blut ist stärker als englisches.«
Als sie eine Viertelflasche Whisky getrunken hat, ist die Verbindung zum Bush House in London wieder abgerissen, und das Radio zischt unter seinem Bougainvilleenvorhang vor sich hin. Mum hat ihre alten schottischen Platten herausgeholt. Drei Stück sind es. Drei Platten, auf denen Männer im Kilt Dudelsack spielen. Sie sind auf den Hüllen abgebildet, die Männer, wie sie blind (denn wer könnte etwas sehen unter all diesem Bärenfell?) neblige schottische Kopfsteinpflastergassen entlangmarschieren, gesichtslos hinter ihren wuchtigen Instrumenten.
Mum dreht die Musik voll auf und nimmt den Whisky mit auf die Veranda, wo sie sich im Jogasitz auf einen Klappstuhl setzt, summt und auf die nachtverhangene Farm hinausstarrt.
Der Jogasitz ist ein Relikt aus der kurzen Joga-Phase in Mums Leben, während derer sie sich aus einem Buch die Grundbegriffe beizubringen versucht hat. Was besser war als die kurze Phase in ihrem Leben, während derer sie mit einer
Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas liebäugelte. Und besser als die Zeit, als sie von einem Flohmarkt mit einem Buch über Bauchtanz zurückkam und bald darauf jede Bar nördlich des Limpopo und südlich des Äquators als Probebühne benutzte.
Die Pferde scharren unruhig in ihren Boxen. Aus den Wipfeln der blätterschimmernden Msasa-Bäume kreischen die Nachtaffen. Die Hunde bellen im Chor und hören erst auf, als wir sie ins Haus sperren, alle bis auf Mums treuen Spaniel, der ihr nie von der Seite weicht, auch nicht, wenn sie, wie Dad es
nennt, einen Moralischen hat. Genau das hat sie jetzt: einen Moralischen. Das Radio zischt und bricht zwischendurch in Gesang aus, betrunkene spanische oder portugiesische Liedfetzen; schwatzt auf Deutsch, Afrikaans oder mit einem übertriebenen amerikanischen Akzent. »This is the Voice of America« - und dann der Sturzflug, »biii-ooiing!«
Dad und ich legen uns mit der Hälfte der Hunde in unsere Betten. Die andere Hälfte der Meute verteilt sich auf die Wohnzimmersessel. Dad hört schwer, seit ihm vor acht Jahren das Trommelfell geplatzt ist, in dem Krieg um das damalige
Rhodesien, das heute Simbabwe heißt. Ich ziehe mir ein Kissen über den Kopf, aber Mums Stimme dringt trotzdem bis zu mir, hoch und wacklig, mit Tremolo bei den Spitzentönen, »fahr geschwind, kleines Boot, wie ein Vogel im Wind, übers
Meer nach der Insel Skye«, und dann weiß sie den Text nicht weiter und singt nur noch »La, la la laah!«, aus vollem Hals, um das Fehlen der Worte wettzumachen. Aus dem Schlafzimmer am Ende des Flurs tönt Dads Schnarchen.

Am Morgen sitzt Mum immer noch auf der Veranda. Der Plattenspieler schweigt. Das Hausmädchen fegt um sie herum den Boden. Das Radio in seinem Baum ist ausgenüchtert, mit einer glitzernden Tauschicht auf seinem silbernen Gesicht verliest es in abgehackten britischen Tönen die Nachrichten. »Hier ist London«, behauptet es unverfroren, während die Milchkühe zum Melken in den Stall getrieben werden und die Nachtaffen sich oben in ihren Bäumen zum Schlafen zusammenrollen und die Kap-Turteltauben zu gurren beginnen: »Ruck rüber, ruck rüber«. Ein ganztägiger Ruf, der sich für mich dennoch unweigerlich mit der Frühe verbindet und mir Appetit auf eine Tasse Tee macht. Das Glockenspiel von Big Ben tönt aus der fernen, stahlgrauen Londoner Morgendämmerung, wo schon bald die Pendler strebsam aus U-Bahnhöfen und roten Doppeldeckerbussen strömen werden. Fünf Uhr GMT.
Als ich klein war, dachte ich immer, das »mean« in Greenwich Mean Time bedeute »knauserig«, »kleinlich«. Englische Zeit ist Kleinkrämerzeit, dachte ich. Afrikanische Zeit ist großzügig.

Die Hunde liegen in müden Haufen auf den Wohnzimmermöbeln, die Pfoten über den Ohren. Sie blinzeln zu Dad und mir hoch, als wir zu unserem Morgentee hereinkommen, den wir sonst immer auf der Veranda trinken, aber heute hat der
Koch im Wohnzimmer gedeckt, denn den Klapptisch, auf dem normalerweise das Tablett abgestellt wird, hält Mum besetzt, vornübergekippt, die Stirn auf der Tischplatte. Immer noch im Jogasitz. Immer noch singend. Das macht ihr so schnell keiner nach.
Wir verfrachten Mum zusammen mit meinem Koffer, dem Ranzen und den Büchern hinten in den Pick-up, neben den halb zerlegten Generator, den wir nach Lusaka zum Richten bringen. Sie summt »Blume von Schottland«. Und dann steigen Dad und ich vorne ein, und los geht's, die Zufahrt zu unserer Farm entlang. Mir kommen jetzt schon die Tränen. Da sind die Pferde; zwei weiße Gesichter und ein schwarzes schauen über die Stalltür und warten, dass Banda ihnen ihr
Frühstück bringt. Da kommen die Hunde angerannt, mit schlackernden Ohren jagen sie hinter dem Pick-up her, zuversichtlich, dass wir irgendwann ein Einsehen haben und sie aufspringen lassen. Und da ist der alte Koch, gebeugt und massig
in seiner Khakiuniform, die so fadenscheinig ist, dass seine knochigen Schultern sich durch den Stoff gewetzt haben. Er ist fast siebzig und hat gerade wieder ein Kind gezeugt; er sieht erschöpft aus. Er sitzt auf der Küchenschwelle, einen Joint von der Größe einer Blutwurst im Mundwinkel und über dem Kopf eine duftende Wolke aus blauem Marihuanarauch. Hanf lässt sich bestens hinter den Ställen anbauen, wo ihm Pferdeäpfel, Kuhfladen und ein wenig geklauter Kunstdünger, der eigentlich für Dads Sojabohnen gedacht ist, beim Gedeihen
helfen. Adamson hebt seine alte Hand zum Gruß. Der Gärtner nimmt Haltung neben seinem Besen aus Buschreisern an, mit dem er Blätter von der staubigen Einfahrt fegt. »Miss Bobo«, formt er mit den Lippen und reckt die Faust zum Black-Power-Gruß. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

‹  Zurück zur Artikelübersicht