Es ist ein Buch aus der Ferne, aus gar nicht so ferner Zeit. Schauplatz ist die Wrangel-Insel im äußersten Nordosten Sibiriens zur Stalinzeit. 1934 bricht eine sowjetische Forschergruppe zu diesem Außenposten des Sowjetreiches auf, um auch in dieser Region die Segnungen von Zivilisation und Bolschewismus nahezubringen. Nur ist diese Eiswüste keineswegs unbewohnt, sondern die Ureinwohner, die Tschuktschen, leben dort in ihrer eigenen Kultur und Werteordnung, Werte, die mit den Utopien der Stalinisten nur schwer in Einklang zu bringen sind.
Dies ist der Hintergrund von Juri Rytcheus Erzählung, dem ersten Schriftstelle dieses Eskimovolkes von 12000 Menschen, der über seinen eigenen Kulturkreis hinaus Bekanntheit erlangt hat. Rytcheus Kunstgriff bei "Unter dem Sternenbild der Trauer" besteht in der gelungenen Verschmelzung tatsächlicher Begebenheiten und einer erdachten Erzählhandlung, die später nicht mehr zu trennen sind. Rytcheu bezieht seine Quellen sowohl aus den Akten eines seinerzeit aufsehenerregenden Moskauer Prozesses des Jahres 1936 als auch aus den Legenden der Tschuktschen selbst.
Für sie bedeutet die Ankunft des neuen Expeditionsleiter Sementschuk und seiner Crew insofern eine einschneidende Änderung, als der neue "Herr der Insel", anders als seine beiden Vorgänger, ignorant, voreingenommen und überheblich seinen Dienst versieht und die Eskimos eher der Tierwelt Sibiriens als der Menschheit zuschlägt, insbesondere diejenigen, die den bolschewistischen Vorstellungen skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen. So finden der Schamane Analko und sein Sohn Atun, im Einklang mit der Natur und ihren Traditionen lebend, keine Basis für ein Miteinander mit Stationschef Sementschuk, der sich mehr und mehr wie ein kleiner Zar aufführt und mit seinen eigensüchtigen Entscheidungen bald die Existenz der Ureinwohner zu bedrohen beginnt. In diese geladene Atmospähre gerät der jüdische Expeditionsarzt Wulfson, der seine Arbeit im Expeditionsteam als wissenschaftlichen Forschungsauftrag begreift und der tschuktschischen Kultur zumindest Interesse entgegenbringt, wenngleich er vieles für atavistisch hält und aus ganzer Überzeugung ablehnt. So wird der Doktor zu einem doppelten Außenseiter, dem die Tschuktschen mit Misstrauen, die Russen mit Ablehnung begegnen. Vollkommen unfreiwillig und ohne es überhaupt zu bemerken wird er als tragische Figur zum Katalysator eskalierender Ereignisse.
Analko sieht das Unheil, das über die Insel hereinbrechen wird, voraus, doch er hat weder die Macht noch die Mittel, an diesem Schicksal etwas zu ändern. Nicht zuletzt sein eigener Sohn Atun, der im Spannungsfeld zwischen Tradition und Materialismus zerbrechen wird, wird zum Opfer des Zusammenpralls zweier Kulturen, die letztlich unvereinbar bleiben. Unmittelbar neben dem Polarstern funkelt das Sternenbild der Trauer, in dem jeder Stern aus der Seele eines Toten entstanden ist. Analko wird dort den Stern seines Sohnes sehen, lange bevor über dessen Schicksal tatsächlich letzte Klarheit besteht.
Juri Rytcheu hat mit "Unter dem Sternenbild der Trauer"; zum einen ein bemerkenswertes Buch über sein Volk geschrieben, das uns Westeuropäern fremd und unbekannt ist, zum anderen bietet er eine prägnante Momentaufnahme der Stalinzeit aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Dabei folgt er dem Fluss einer Erzählung, ohne zu moralisieren oder Position für die eine oder andere Seite zu beziehen. Dennoch durchziehen seine Erzählung eine tiefe Traurigkeit und das Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes. Indem er beim Leser diese Stimmungen weckt, ohne sie mit Worten offensichtlich zu benennen, erweist sich der 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uelen auf der Tschuktschenhalbinsel geborene Rytcheu als Meister seines Faches und zugleich als Stimme einer vom Untergang bedrohten und in Vergessenheit geratenen Kultur.