Persönliche Vorurteile gegen Soldaten sollen hier mal außer Betracht gelassen werden. Warum aber melden sich Frauen, oft erst 18, 19 Jahre alt, zum Dienst an der Waffe? Gespannt begann ich "Unter Soldatinnen" zu lesen.
Jasna Zajcek ist eine erfahrene Journalistin, die aus vielen Krisengebieten der Welt berichtete. Ihre Recherche für dieses Buch beginnt sie in der Marineschule Mürwick, wo sie einen Monat lang an der harten und Grundausbildung teilnimmt. "Am eigenen Leib" wollte sie wissen, wie sich Drill - Gehirnwäsche? - anfühlt. Sie porträtiert dort junge Frauen, die das finanzierte Studium und eine Offizierslaufbahn lockte. Die eine sehnt sich nach Seefahrerabenteuern, einschließlich Piratenjagen vor Somalia, die andere möchte später wissenschaftlich arbeiten, die dritte gibt auf, weil sie sich das alles nicht so anstrengend vorgestellt hat. Die Autorin führt Tagebuch, schildert minutiös den harten Drill. Die Frauen werden nicht geschont, bekommen keine "Extrawürste". Gehorsam und Disziplin werden gefordert und widerspruchslos akzeptiert.
Im Bewußtsein des Risikos
Weitere Recherchestationen sind die Azoren auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock", ein patroullierendes Kriegsschiff vor der Küste Libanons, der Kosovo, Bosnien, Karthum im Sudan und das ostafrikanische Dschibuti. Die Truppen in Afghanistan durfte Jasna Zajcek nicht besuchen. Wohl wegen der Kundus-Affäre wollte man dort keine Extra-Presse haben. Offensichtlich war es nicht immer einfach, Soldatinnen im freien Gespräch zu erleben. Im Gegen satz zu anderen Bundeswehr-affinen Journalisten ließ sie sich nicht zensieren und traf auch verdeckt auf Gesprächspartner. Für die offiziellen Termine waren viele bürokratische Hürden zu nehmen, und der allgegenwärtige Presseoffizier immer in der Nähe. Trotzdem gelangen der Autorin einige beeindruckende Portraits von Soldatinnen, in der Mehrzahl Offiziere oder Offiziersanwärterinnen. "Frauen, die ihren Mann stehen", flapsig gesagt, oder wie es eine von ihnen selber sagte: "So Tussi-Mädchen können wir hier nicht gebrauchen". Beschreibt Jasna Zajcek ihre Gesprächspartnerinnen, benutzt sie mehrfach Attribute wie "groß und stämmig mit praktischer Kurzhaarfrisur". Walküren, könnte man meinen. So ist es aber nicht. Einige reden freimütig über ihre Gefühle, über Heimweh und Trennungsschmerz. Alle haben sich für mehrere Jahre verpflichtet, viele streben einen Stand als Berufssoldatin an, einen krisensicheren Job. Sicher? Nur einmal erwähnt die Autorin, daß die Frauen in vollem Bewußtsein, getötet werden zu können oder selbst töten zu müssen, den Dienst an der Waffe verbringen.
Da Zajcek nicht selber nach Afghanistan durfte, sprach sie mit Männern und Frauen aus ihrem persönlichen Umfeld, die dort stationiert waren. Hier wird deutlich, was es für die Soldaten bedeutet, Deutschland am Hindukusch zu verteidigen: Von Angst ist die Rede, von Schlaflosigkeit, Nervosität und Traumata über abgerissenen Gliedmaßen, übermäßigem Alkoholgenuß, Übergewicht durch Nichtstun und über den Tod wird geredet.
Ein Fazit: Jasna Zajcek hat selbstbewußte, ehrgeizige und meist junge Frauen getroffen, die von den unterschiedlichsten Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten der Bundeswehr angezogen wurden. Ein Schuß Abenteuerlust ist allen gemein. Vom Sinn ihrer Einsätze in den Krisengebieten der Welt zeigen sie sich überzeugt. Gleichberechtigung scheint kein Thema zu sein, sie ist selbstverständlich.
"Bin ich wirklich bereit, für 'Volk und Vaterland' zu töten und zu sterben?"-"was sind die wahren Motive?", diese Fragen wurden nur angerissen. Trotzdem war dieses Buch für mich faszinierend, weil noch einmal deutlich wurde, wo "wir Deutschen" überall in der Welt unter Waffen stehen und was wir dort eigentlich wirklich machen. Spannend und erhellend wurde es immer dann, wenn die Autorin dezidiert das Lagerleben der unter Ausschluß der Landbevölkerung lebenden Soldaten schilderte.
Das ist nicht wirklich ein Buch über Soldatinnen, vielmehr eins über die Bundeswehr und ihrem Agieren unter Nato- oder UN-Flagge in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Ein aufschlußreiches Buch, das sowohl Kritiker wie Befürworter der Auslandseinsätze bedient. Es sei jedem politisch interessierten Menschen empfohlen, denn es scheint mir das erste ehrliche Buch zu dem Thema zu sein, da sich die Autorin nicht von der Bundeswehr zensieren lassen hat und auch "die Wahrheiten, die die Bundeswehr nicht gerne selber über sich liest" temporeich und unterhaltsam aufgeschrieben hat. Ein Standardwerk für jeden, der die Bundeswehr verstehen will und besonders empfehlenswert für junge Menschen, die über eine Karriere an der Waffe nachdenken.