„Nicht einen Löwen, sondern zwei. Mit einem Messer. Wenn Elui das konnte, kann ich es auch, wenn es sein muss. Ich werde Leslie bis zum letzten Atemzug verteidigen. Ich umfasse den geriffelten Griff des Messers, das in seiner Lederscheide auf dem Nachttisch neben meinem Feldbett liegt. Aber dann denke ich mir, das Beste, was ich im Falle eines Angriffs tun kann, wäre, mich in ein Mordinstrument zu stürzen und so dem Löwen die Mühe zu ersparen."
Das Mysterium um die Herkunft und die Existenz von Ghost und Darkeness, jener menschenfressenden Löwen die im 19. Jahrhundert den Brückenbau über den Tsavo in Ostafrika zur Katastrophe werden ließen und heute in der Stanley Field Hall in Chicago ausgestellt sind, ließen den Pulitzerpreisträger Philip Caputo zweimal den Tsavo National Park in Kenia aufsuchen. Gemeinsam mit einer kuriosen Gruppe an Biologen spürt Caputo den Löwen nach, fühlt sich ihnen ausgeliefert und versucht Licht in das Dunkel um die mähnenlosen Könige der ostafrikanischen Steppe zu bringen.
Caputo ist zweifelsohne ein exzellenter Journalist. Er versteht sich hervorragend darin, Belanglosigkeiten auf eine spannungsgeladene Ebene zu heben, die den Leser über kurze Zeit an seine Schilderung fesseln. In diesem Potpourri aus Abenteuererzählung, biologischer Abhandlung und Biographie jedoch fehlt eindeutig ein roter Faden, der den Leser zwischen den verschiedensten Sprüngen in Zeit und Raum eine Orientierungshilfe gibt. Auch wenn sich die Geschichte zu allererst als Abenteuer verstanden wissen will, glückt der Versuch der Reduktion schwieriger zoologischer Problematiken auf ein dem Laien verständliches Niveau nur ansatzweise. Der menschenfressende Löwe wird zum Wahnobjekt, zum letzten Weltengeheimnis, zur letzten Bastion offensichtlichen tierischen Widerstands gegen die Omnipotenz des Homo sapiens mythologisiert. Und alles nur weil die armen Viecher eben hungrig sind ...
Caputo bemüht sich um Objektivität hinsichtlich der verschiedenen Forschungsmeinungen der Herkunft der Löwen von Tsavo, fällt jedoch ständig (wohl unbewusst) parteiische, von Emotionen überlagerte, Urteile. Er bemüht sich erst gar nicht um eine Distanzierung von offener Selbstherrlichkeit und Sensationsgier. Doch wohl auch genau aus diesem Grund wirkt der Autor, der hier in vollem Bewusstsein von seinem letzten großen Abenteuer berichtet, sehr greifbar und menschlich verständlich. Ein ideales Buch für regnerische Nachmittage.