Endlich, möchte man ausrufen, endlich ein Tabubrecher, der es wagt, was noch keiner gewagt hat. Der es wagt, die unfassbare Behauptung aufzustellen, dass "links" nicht automatisch mit "gut" gleichzusetzen ist. Der es wagt, die Betroffenheitsapostel, die Gleichstellungsbewegten (Gleichstellung von Frauen, Behinderten, Linkshändern, Biertrinkern, Ostwestfalen), die Verheißungsprediger anzugreifen.
Endlich ein sachlicher Blick auf die Realitäten unseres Gemeinwesen, auf die Defizite und die Stärken. Endlich eine Entzauberung des ewigen linken Lieds von der Benachteiligung fast aller gesellschaftlichen Gruppen gegenüber jeweils fast allen anderen. Endlich ein Plädoyer gegen Gleichmachung dessen, was nicht gleich ist (z.B. im Schulwesen). Endlich eine Abhandlung darüber, dass Umverteilung zwar wünschenswert sein mag, in einer globalisierten Welt aber im nationalen Alleingang nicht möglich und die Verheißung eines solchen Alleingangs dementsprechend utopistisch ist.
Ja, ätzend ist vieles geschrieben. Und dennoch sachlich. Beispiel gefällig? Fleischhauer berichtet über das Beauftragtenwesen (Gleichstellung, Behinderte, Schwule, Lesben und, und, und). Und darüber, dass Guido Westerwelle einst erklärt habe, demnächst werde man noch einen Radfahrerbeauftragten brauchen. Woraufhin Westerwelle von der Hamburger Radfahrerbeauftragten angeschrieben wurde, er solle sich gefälligst nicht über sie lustig machen.
Politisch unkorrekt ist das Ganze. Und wie! Warum Zuwanderung eigentlich per se gut sein soll, wie es viele Linke perzipieren, fragt Fleischhauer. Und - das ist die stärkste Stelle des Buches - er beschreibt, welche gesellschaftliche Spaltung uns droht, wenn es nicht gelingen sollte, die Zuwandererkinder besser zu integrieren und auszubilden. Anstatt immer nur mit Verständnis, Gesundbeten und sozialer Hängematte zu arbeiten.
Sicher, vieles ist nicht nur wissenschaftlich, ist ein wenig oberflächlich. Dennoch gelingt es dem Autoren das linke Weltbild mit all seinen Tabus, Denkverboten und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten durch zielgenaues, schmerzhaftes Hinterfragen im Handstreich zu Fall zu bringen, mit einer Leichtigkeit, dass man fast schreiben möchte: "mit links"!
Wunderbar zum Beispiel die Passage über die Betroffenheitspolitik: "Vor der Beschäftigung mit den Produktionsbedingungen des Proletariats kam die Analyse der persönlichen Beziehungsverhältnisse, neben die gesellschaftliche Realität trat die "gefühlte" Wirklichkeit: Unter Menschen, die "mit dem Herzen denken" (Konstantin Wecker) bedarf es nicht länger der mühsamen Auseinandersetzung mit Argumenten, um sich über die Wichtigkeit eines Vorhabens zu verständigen, nun reichte schon, dass man sich "mitbetroffen" (...) fühlte, damit das Problem als politisch bedeutsam anerkannt war. Tatsächlich ist die eigene Beziehung zum politischen Gegenstand damals erstmals zu einem wesentlichen Kriterium für die Relevanz von Themen und Ereignissen geworden; was keine Emotionen hervorzurufen vermag, gilt seitdem als nebensächlich und nicht weiter verhandlungswürdig. Oder wie es die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth zum Jahreswechsel in einem Spiegel-Gespräch sagte: "Wie soll ich zum Beispiel Sozialpolitik machen, wenn ich nichts empfinde?""
Danke, Jan Fleischhauer, für diese Polemik! Das beste und schwungvollste politische Buch des Jahres!