An diesem Buch kann niemand vorübergehen, der sich etwas genauer über die Art und Weise informieren möchte, mit der bestimmte völkisch-nationale Kreise gegen die anthroposophische Bewegung (bzw. besser müsste man vielleicht sagen: gegen Rudolf Steiners kulturpolitisches Engegement in der Weimarer Republik)in der Zeit zwischen 1919 und 1933 agierten. Aus der Art, wie diese Gruppen inhaltlich gegen die Anthroposophie argumentierten, offenbart sich, wie diametral sich anthroposophische und völkische Anliegen und Denkweisen gegenüberstanden, auf den kleinsten Nenner gebracht: Kollektiv versus Individualität.
Angeregt zu seiner Untersuchung wurde Ravagli natürlich durch die Behauptung einiger Autoren der letzten Jahre, die Anthroposophie ließe sich gar der völkischen Bewegung zuordnen. Aus diesem Grund geht Ravagli im zweiten Teil des Buches differenzierend auf verschiedene theosophische oder der Theosophie nahe stehende Strömungen und deren Verhältnis zur völkisch-nationalen Bewegung ein.
Teilweise ist Ravaglis Buch also eine Verteidigungsschrift. Unabhängig davon erhellt seine Dokumentation, vor allem der erste Teil, aber auch die Frühgeschichte der völkisch-nationalen Bewegung und deren Methode, gegen diejenigen gesellschaftlichen Gruppen vorzugehen, die es aus ihrer Sicht zu bekämpfen galt (Auf den Plan gebracht wurden diese Gegnergruppen durch Steiners kulturpolitisches Engagement 1919-1921, das es aus ihrer Sicht zu bekämpfen galt). Und es erhellt auch die Frühgeschichte der anthroposophischen Bewegung, die von diesen Gruppen, und auch anderen gesellschaftlichen Gruppen, erheblich unter Druck gesetzt wurde.
Ravaglis Untersuchung wird wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Er belegt alle Quellen durch einen umfangreichen Anmerkungsteil. Nur ärgerlich, dass er, beziehungsweise der Verlag, sich nicht die Mühe gemacht hat, ein Personenregister (das beim Studium dieses Buches wirklich eine erhebliche Hilfe wäre) zu erstellen und auch eine Bibliografie der verwendeten Literatur sucht man in diesem Buch ganz vergeblich.
Das ist besonders schade, da die Hintergrundinformationen teilweise etwas schwach und ungleich proportioniert geliefert werden. Zum Beispiel sind zwei Kapitel des Buches dem Kampf Dietrich Eckarts gegen die anthroposophische Bewegung gewidmet. Vergeblich sucht man aber eine deutliche Charakterisierung Eckarts. Unbedingt hätte deutlich herausgestellt werden müssen, welche zentrale Rolle dieser völkische Schriftsteller bei der Herausbildung des Nationalsozialismus spielte.
Aber insgesamt: Ravaglis Buch ist als Dokumentation unbedingt empfehlenswert.