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Unter Einsatz meines Lebens: Ein New Yorker Feuerwehrmann im World Trade Center
 
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Unter Einsatz meines Lebens: Ein New Yorker Feuerwehrmann im World Trade Center [Restexemplar] [Gebundene Ausgabe]

Richard Picciotto , Daniel Paisner , Ulrike Wasel , Klaus Timmermann
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (9 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Als am 11. September die beiden Türme des World Trade Center in Flammen stehen, wollte Richard Picciotto nirgendwo sonst sein. Er ist Feuerwehrmann. Mit Leib und Seele. Während die Angestellten zu den Ausgängen drängen, riskieren er und seine Männer ihr Leben. Stockwerk für Stockwerk arbeiten sie sich nach oben, bringen die Menschen zu den Treppenhäusern und Notausgängen. Sie können Hunderten helfen, bevor sie den Kampf gegen das Feuer verlieren und auch der Nordturm in sich zusammenstürzt. Verschüttet unter dem mächtigsten Gebäude der Welt, beginnt das angstvolle Warten auf Rettung. Richard Picciottos dramatisches und tief berührendes Buch ist der einmalige Bericht eines Augenzeugen, der die letzten Stunden im World Trade Center dokumentiert, und sich damit auseinandersetzt, was es bedeutet, eine solche Katastrophe zu überleben.

Über den Autor

Richard Picciotto, seit 28 Jahren bei der New Yorker Feuerwehr, gehörte bereits beim Anschlag auf das World Trade Center 1993 zu den Einsatzleitern und kannte die Zwillingstürme wie sein eigenes Haus. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in New York.

Daniel Paisner ist Bestsellerautor und Journalist und arbeitete unter anderem mit Whoopi Goldberg und Anthony Quinn zusammen.

Auszug aus Unter Einsatz meines Lebens. Ein New Yorker Feuerwehrmann im World Trade Center. von Richard Picciotto, Daniel Paisner. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

11. September 2001: 9.59 Uhr

Es kam wie aus dem Nichts.
Wir waren ungefähr zwei Dutzend Mann an den Fahrstühlen im 35. Stockwerk des Nordturmes im World Trade Center. Wir waren Feuerwehrmänner, jedenfalls die meisten von uns, und wir waren alle mehr oder weniger erschöpft. Manche schwitzten wie verrückt. Einige hatten ihre Einsatzjacken ausgezogen und sie um die Hüften geschlungen. Ziemlich viele rangen keuchend nach Luft. Andere wollten unbedingt weiter. Wir alle machten einen Moment Pause, um Atem zu schöpfen, um uns zu orientieren, um rauszufinden, was zum Teufel eigentlich los war. Wir waren seit fast einer Stunde hektisch an der Arbeit, manche nicht ganz so lang, und es war absolut kein Ende in Sicht. Natürlich hatten
wir keine Ahnung, was noch alles vor uns lag, aber erreicht hatten wir bislang so gut wie nichts.
Und dann setzte das Geräusch ein, und das Gebäude begann zu beben, und wir erstarrten. Wie in Totenstarre. Was auch immer vielleicht noch zu tun war, jetzt würde es warten müssen. Worauf, wußten wir nicht, aber es würde warten. Oder auch nicht, aber darum ging es nicht mehr. Es ging darum, daß keiner sich bewegte. Bis auf den letzten Mann, keiner rührte sich, außer, um die Augen zur Decke zu heben, um zu sehen, woher das Getöse kam. Als könnten wir da die Antwort finden. Keiner sagte ein Wort. Es war keine Zeit, Gedanken in Worte zu fassen, obwohl noch Zeit war zu denken. Für mich jedenfalls, für mich war noch Zeit zu denken, zuviel Zeit zu denken, und meine Gedanken überschlugen sich. Sie entwarfen alle möglichen Horrorszenarien und noch ein paar mehr dazu. Das Gebäude zitterte wie bei einem Erdbeben, wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn, aber was mir wirklich das Blut in den Adern gefrieren ließ, das war dieses Getöse. Seine Wucht, mit der es direkt durch mich hindurchging. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, was ein derartiges Geräusch machen könnte. Als ob tausend führerlose Züge auf mich zurasen würden. Eine durchgegangene Herde wilder Tiere. Ein donnernder Erdrutsch. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, aber was auch immer es war, es wurde schneller und noch kraftvoller, und es kam näher, und ich saß mittendrin, konnte ihm nicht ausweichen.
Ich dachte an meine Frau und meine Kinder, aber nur kurz und nicht so, als würde das Leben wie im Zeitraffer vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich dachte an meine Arbeit, daran, daß ich kurz vor der Beförderung zum Deputy stand. Ich dachte an die Bagels, die ich in der Küche der Feuerwache liegengelassen hatte. Ich dachte daran, daß wir Feuerwehrmänner immer zueinander sagten: »Bis zu dem ganz Großen.« Oder: »Wir treffen uns alle beim ganz Großen.« Ich weiß nicht, wer damit anfing oder wann ich es mir selbst angewöhnte, aber es gehörte zu unserer Insidersprache. Es bedeutete soviel wie: Ganz gleich, wie groß dieses Feuer ist,
es gibt immer noch ein größeres, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft. Wir werden das hier überstehen, und das nächste werden wir auch überstehen. Ich hatte das immer gesagt, bei großen Bränden, und ich hatte es immer wieder als Antwort gehört, und jetzt dachte ich, daß ich es nie wieder sagen würde, weil es nie wieder einen Brand geben würde, der so groß war wie dieser. Das hier war »der Große«, von dem wir immer gesprochen hatten, solange wir dabei waren, und wenn mir das zuvor noch nicht klar gewesen war – vor diesen beängstigenden Augenblicken –, dann wurde es mir jetzt klar, durch dieses schreckliche, bedrohliche Geräusch.
Ich versuchte, die Situation irgendwie in den Griff zu bekommen, dachte, wenn ich verstehen könnte, was da gerade passierte, könnte ich mich vielleicht dagegen wappnen. All diese Gedanken schossen mir natürlich blitzartig durch den Kopf, nebeneinander und gleichzeitig, sie waren einfach da. Und jeder von ihnen war vollständig zu Ende gedacht, als
ob noch Zeit wäre, jeden einzelnen von ihnen in eine Handlung umzusetzen, wo doch in Wahrheit überhaupt keine Zeit mehr war.
Bei all dieser Angst und Ungewißheit überkam mich plötzlich die Vorstellung, daß sich eine Fahrstuhlkabine losgerissen hatte und jetzt durch den Schacht über uns nach unten stürzte. Ich hatte das Gefühl, als ob irgend etwas rasend schnell näher kam, und diese Erklärung schien mir irgendwie einleuchtend. Genauso einleuchtend war es natürlich, daß ein abstürzender Fahrstuhl nie und nimmer dieses alles durchdringende Geräusch und Getöse erzeugen konnte, und das dachte ich auch, gleichzeitig, aber nichts anderes ergab irgendeinen Sinn. Wenn man mitten in einer derart unvorstellbaren Situation steckt, klammert man sich an das nächstliegende, und etwas anderes fiel mir einfach nicht ein. Fahrstuhlkabinen, die ineinanderkrachten und die Schächte um uns herum mit unvorstellbarem Entsetzen füllten.
Oder etwas anderes.
Aber was? Was konnte ein derart lautes, grauenhaftes, donnerndes Geräusch erzeugen? Ein Geräusch, das ganz gewiß mich und meine zwei Dutzend Kollegen vom New York City Fire Department umbringen würde, die wir hier im
35. Stock eines brennenden Wahrzeichens festsaßen, in das sich erst eine Stunde zuvor eine entführte Boeing 767 gebohrt hatte. Was konnte sonst noch mit dieser grauenhaften Wucht auf uns einstürzen?
Es ging alles sekundenschnell, und doch waren diese Sekunden wie eine Ewigkeit – erstarrt, so daß wir alle noch genügend Zeit hatten, unsere schlimmsten Ängste abzurufen, diejenigen auszusortieren, die sich auf nichts Reales bezogen, und diejenigen anzunehmen, die uns plausibel erschienen. Uns das Unvorstellbare vorzustellen, das Undenkbare zu denken. Ich hatte wirklich absolut keine Ahnung, was passierte. Und ich stand da, auf dem fensterlosen Korridor vor den Fahrstuhltüren im 35. Stock, zusammen mit meinen Kollegen, starrte nach oben und wartete darauf, daß es durch die Decke kam.
Was immer es war.

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