Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan um das Land zu stabilisieren. Doch aus den zunächst freundlichen Wiederaufbauhelfern ist eine verängstigte Truppe geworden die sich in ihren Lagern verschanzt und wenn es opportun zu sein scheint selbst Zivilisten bombardieren lässt.
Es ist Krieg in Afghanistan und keiner in der Politik hatte bis vor kurzen den Mut das auszusprechen. Unentschlossenheit und falsche Strategie waren wesentliche Beweggründe für Marc Lindemann das Buch "Unter Beschuss" zu schreiben.
Der Politologe, ehemaliger Bunderwehr-Nachrichtenoffizier und Hauptmann der Reserve Marc Lindemann war zwischen 2005 und 2009 zwei Mal in Kundus stationiert. Er hat gründlich recherchiert und analysiert und polarisiert, politisiert nun schonungslos glasscherbenscharf alle Fehler die bisher gemacht worden sind. Er bilanziert damit das Scheitern der Deutschen in Afghanistan, indem er nicht nur die Soldaten, sondern auch die Politiker unter "Beschuss" nimmt. Aus der Enttäuschung über Erlebtes macht er keine Mördergrube, sondern fordert konkrete neue Konzepte für den zukünftigen Einsatz am Hindukusch.
Es ist ein sehr strenges, streckenweise sehr persönlich gefärbtes Buch über erhellende wie erschreckende Einsichten und Zustände der Bundeswehr in Afghanistan. Ohne Frage ist es sehr lesenswert, wenn auch die eine oder andere zugespitzte Sichtweise nicht unbedingt allgemein verbindlich zu vertreten sein wird. So ist es sicherlich sinnvoll die eine oder andere Position und Stellungnahme kritisch zu hinterfragen. Dieses Buch wird auch die ambivalente Haltung der deutschen Bevölkerung zum Kriegseinsatz in Afghanistan nicht grundsätzlich ändern, aber es führt zu mehr Verständnis für die Soldaten die sich im Kriegseinsatz befinden und es rüttelt vermutlich an der Solidarität für diesen schwierigen Einsatz.
Lindemann untersucht also die Frage was die Bundeswehr in Afghanistan tut, wie es ihr dort Tag für Tag ergeht und was sie überhaupt noch tun kann nachdem sich die Schreckensmeldungen in den deutschen Medien häufen. Nicht nur die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert auch der anfangs hervorragende Kontakt zur Bevölkerung ist verloren gegangen. So kann eigentlich der ursprüngliche Auftrag den afghanischen Sicherheitskräften zu assistieren nicht mehr wahrgenommen werden.
Bei der Lektüre hat man durchgehend den Eindruck das eigentliche Problem war nicht das was man getan hat, sondern das was man nicht getan hat. Zunächst war ein kurzer Stabilisierungseinsatz geplant, kein Kriegseinsatz, deshalb wurden die Soldaten nicht mit offensiven Waffen ausgerüstet. Da stellt sich dann doch offenkundig die Frage, warum entsende ich eine Armee wenn ich sie nicht kämpfen lassen will? Es wäre eine militärische Grundvernunft gewesen von Anfang an mit stärkeren Kräften dort hinzugehen, auch wenn diese zunächst nicht zum Einsatz kommen würden. Für den Eventuellfall wären sie aber dann vor Ort verfügbar.
Versäumt wurde In den ersten Jahren wurde der viel angesprochene zivile Wiederaufbau versäumt. Alles geschah nur halbherzig und so ist die Sicherheitslage gekippt, weil die Afghanen von den nicht eingehaltenen Versprechungen enttäuscht wurden.
Die deutsche Öffentlichkeit kannte bisher nur Vokabeln wie Sicherheitseinsatz und Wiederaufbau und plötzlich war von Toten die Rede. Ein weiterer Fehler, an hätte die Öffentlichkeit darauf besser vorbereiten müssen, auch wenn es vielleicht von Fall zu Fall nicht opportun war die ganze Wahrheit zu sagen.
In seiner kritischen Einstellung lässt Lindemann insbesondere kein gutes Haar an dem Entwicklungshilfeministerium, denn seiner Meinung nach müsste ein Wiederaufbau viel massiver aussehen, wesentlich entbürokratisierter und mit viel mehr Geld und Personal ausgestattet. Einen weiteren Grundfehler sieht der Autor darin, dass jeglicher Aufbau über Maßen ideologisiert wurde, weil man in die archaische Gesellschaft etwas einzubauen versuchte was die Afghanen so gar nicht wollten. Bevor eine Vorzeigedemokratie präsentiert werden kann müsste erst einmal Stabilität in diesem chaotischen Land erreicht werden. Man kann nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Stabilität ist das Minimalziel was nach einem neunjährigen Einsatz erreicht werden sollte, vorher braucht man mit allen anderen wie auch immer gearteten Missionierungsmaßnahmen gar nicht anzufangen.
Das Buch ist von solcher Sogkraft, dass man es, einmal mit der Lektüre begonnen, nicht mehr aus der Hand legen möchte.