Sigmund "Menne" Spiegel kann es nicht fassen. 1918 hat er, als deutscher Soldat jüdischer Abstammung, sein Leben für die Kameraden und das Vaterland riskiert. Heute sollen die Juden aus Ahlen in den Osten deportiert werden. Da hilft Menne auch sein Eisernes Kreuz nicht. Nach Kriegsende werden von den 38 "Ahlener Juden" nur noch drei am Leben sein. Deren Geschichte hat Ludi Boeken zu einem bewegenden Film verarbeitet. Einem Stückchen Zelluloid, dass nicht nur plakativ auf Gut und Böse schielt, sondern die Einzelschicksale von Menschen in Extremsituationen aufarbeitet. Was Boeken dabei am besten hinbekommen hat ist, wie das Leid von Seiten der jüdischen Flüchtlinge auf die deutsche Landbevölkerung umschwenkt. Das ist brillant angelegt und ganz großes Kino.
Menne Spiegel lässt sich nicht deportieren. Er hat noch Kontakte zu seinen westfälischen Kriegskameraden Hermann Aschoff(Martin Horn) und Pentrop(Veit Stübner). Diese mutigen Bauern wollen Menne helfen. Aschoff nimmt Mennes Frau Marga(Veronica Ferres) und deren Tochter Karin(Luisa Mix) unter dem falschen Namen Krone auf. Nicht einfach, in einem Haushalt, in dem die Tochter Anni(Lia Hoensbroech) anscheinend begeisterte Anhängerin des Bundes deutscher Mädchen ist. Auch andere Kriegsflüchtlinge sind bei Aschoffs noch untergebracht. Menne kriecht bei Pentrop unter. Dort muss er monatelang in einer kleinen Kammer hocken, um nicht aufzufallen. Der junge Nationalsozialist Erich Reimann(Daniel Flieger) merkt allerdings doch, dass Pentrop jemanden deckt. Im Jahr 1943 lassen sich die Spiegels noch gut verstecken, 1944 wird die Situation jedoch brenzlig. Das deutsche Reich beginnt zu zerfallen und die Höfe werden immer wieder durchsucht. Nur dem Mut und der Aufrichtigkeit der Familien Aschoff und Pentrop verdanken die Spiegels ihr Leben. Als der Krieg dann, in einem Meer aus Gewalt, zu Ende geht, scheinen sich die Seiten von Leid und Glück zu drehen...
-Unter Bauern- ist ein wunderbares Stück Zeitgeschichte. Die wahre Geschichte von Marga Spiegel und Anni Aschoff bewegt zutiefst. Wieder einmal hat es ein Regiseur geschafft, sich nur ein Puzzleteil des dunklen deutschen Zeitalters herauszusuchen und mit dessen Hilfe tiefe Einblicke zu schaffen. Der "Widerstand im Kleinen", den die westfälischen Bauern leisteten, kann nicht hoch genug angerechnet werden und scheint für die Kamera wie geschaffen zu sein.
Ludi Boeken hatte für die Verfilmung des Stoffs einige Hochkaräter der deutschen Schauspielkunst vor der Kamera. Veronica Ferres und Armin Rohde sind brillant. Margita Broich und Lia Hoensbroech spielen wunderbar. Für mich die überzeugendste Rolle in einem absolut authentischen Drama spielte jedoch Martin Horn. Seine Darstellung des Hermann Aschoff ist so facettenreich wie bedeutungsvoll.
-Unter Bauern- kommt nicht mit großem Medienspektakel daher. Nichtsdestotrotz ist der Film, was Anspruch und Klasse angeht, ein Schwergewicht der deutschen Produktionen 2009. Ich kann ihnen Ludi Boekens Film nur wärmstens ans Herz legen. In punkto Menschlichkeit, Mut, Toleranz und Anstand gibt es da jede Menge zu lernen.