Erinnert sich noch jemand an das gute, alte Action-Kino der 80er und frühen 90er Jahre ? Das waren noch Zeiten, in denen gezeigte Action noch nach echter Action aussah. Gewagte Stunts, extreme Crashs, gigantische Explosionen, rasante Tempoaufnahmen - damals wurde alles noch "made by hand" umgesetzt, computergenerierte Trugbilder dagegen waren noch unausgereifter, zuweilen sehr teurer Luxus. Erst in den letzten 1 1/2 Jahrzehnten haben CGI-Effekte mehr und mehr in action-orientierten Genren Fuß gefasst und in ihrer optischen Güte kräftig zugelegt; das Kernproblem des "künstlichen Looks" bleibt aber auch heute selten aus, da selbst ein Kino-Laie mit einem gesunden Paar Augen ohne weiteres den Unterschied zwischen realer und virtueller Action zu erkennen vermag (extremes Negativ-Beispiel: "Das A-Team - Der Film"). So kann der Cineast doch nur froh sein, dass es noch einige Altmeister in Hollywood gibt, die die Kunst des altmodischen Actionfilms noch beherrschen und beweisen, dass man den Adrenalinspiegel des Zuschauers auch ohne tonnenweise Visuell Effects in die Höhe treiben kann. Altmeister wie Tony Scott, der kleine Bruder von Ridley. Sein letzter Kracher "Unstoppable" ist atemberaubend authentische Hochgeschwindigkeits-Action, wie man sie seit Jan de Bonts "Speed" nicht mehr gesehen hat.
Pennsylvania:
Grobe Fahrlässigkeit und menschliches Versagen sind Auslöser für einen undenkbar gehaltenen Ernstfall: Der Güterzug Triple 7 rast führerlos durch den amerikanischen Staat in Richtung Großstadt Stanton. Neben zig Waggons im Schlepptau hat dieser rollende Gigant auch noch hochgiftige Fracht ab Bord, die im Falle einer Entgleisung in besiedeltem Gebiet eine verheerende Katastrophe auslösen könnte. Die letzte Hoffnung besteht in den beiden Lokführern Frank Barnes und Will Colson, die nach einer knapp entgangenen Kollision mit eben diesen Zug versuchen, diese Bombe auf Schienen zu stoppen...
Die Filmhandlung liest sich zunächst viel zu reißerisch, als das man sie für realistisch halten könnte. Doch Scotts Film basiert tatsächlich auf einen wahren Fall aus dem Jahre 2001, bei dem ein Zug in ähnlicher Weise unkontrolliert und unbemannt quer durch den Bundesstaat Ohio fuhr. Natürlich wird in "Unstoppable" alles weitaus dramatisierter und spektakulärer dargestellt, und auch das eine oder andere (für Hollywood-Blockbuster typische) Klischee wird gerne aufgenommen, am Unterhaltungs- oder gar Spannungspegel hat dies jedoch keinerlei negativen Einfluss. Die Hatz nach dem außer Kontrolle geratenem Gleisenmonster ist stark und verdammt schnell in Szene gesetzt und sieht dabei zum Anfassen real aus, weil Scott fast vollständig auf Tricks aus der Rechenkiste verzichtet. Nur bei einer einzigen Szene, wo es sowohl physikalisch als auch aus Sicherheitsgründen nicht anders möglich war, greift er auf CGI-Werkzeuge zurück. Der Rest ist in aufwendiger Vorbereitung realisierte Action, die einfach sprachlos macht. Wenn die 4500 Tonnen Stahl auf den Gleisen ins Rollen gebracht werden, wirkt das Dargebotene sehr wuchtig, fast physisch spürbar - ein Gefühl, das sich mit ausschließlich visuellen Effekten wohl kaum eingestellt hätte.
Der Film kommt mit den ersten Minuten direkt auf den Punkt und vergeudet keine Zeit mit einer langatmig gestreckten Einführung. Die Ausgangslage ist schnell erklärt, die Hauptcharaktere ausreichend skizziert - der Kino-Spaß kann sofort beginnen.
Eine schöne Idee: Die Beziehung zwischen Barnes und Colson wird ziemlich glaubwürdig in den Hauptplot integriert. Barnes, ein erfahrender Hase mit fast 30 Jahren Berufserfahrung, gehört zu den "Oldies" unter den Bahnbeschäftigten und soll genauso wie seine Kollegen durch jüngeres, billig bezahltes Personal ersetzt werden. Daraus resultiert auch die alles andere als herzliche Begegnung mit dem Newbie Colson, der seine Arbeit gut und gewissenhaft ausführen will, was ihn wegen privater Schwierigkeiten anfänglich nicht so recht gelingen will. Dieser Generationen-Konflikt auf dem Arbeitsmarkt ist aktueller Themenstoff und fügt sich sehr gut in den Film ein.
Positiv zu erwähnen auch ist die Entscheidung, dass diesmal Charaktere aus der Arbeiter-Klasse zu Film-Helden gemacht werden, also keine unnahbaren Spezialisten oder Alleskönner, die sonst genre-üblich zu Übermenschen hochstilisiert werden. Barnes und Colson verkörpern den Typ des Normalbürgers, eines Jedermanns, mit eigenen Problemen, Rückschlägen und Sorgen. Dass es "Unstoppable" trotz der Nettolaufzeit von knapp 90 Minuten gelingt, neben all der Action eine angenehme emotionale Dramatik aufzubauen, ohne dass diese zu lächerlich oder gar schmalzig gerät, muss man als weiteren Pluspunkt dazuzählen.
Während sein Bruder Ridley in Russel Crowe seinen Lieblingsdarsteller gefunden hat, muss Tony Scott einen Narren an Denzel Washington gefressen haben: Zum dritten Mal in Folge (nach "Déjà vu" und "Die Entführung der U-Bahn Pelham 1-2-3") bzw. insgesamt gerechnet fünften Mal setzt der Regisseur den zweifachen Oscar-Preisträger in die Hauptrolle, und so überrascht es auch nicht, dass Washington einen sehr routinierten, tadellosen Job macht. Der neue Aufsteiger Chris Pine, der als neuer Captain Kirk im jüngsten "STAR TREK" begeisterte, kann sich gegen den gestandenen Akteur mehr als gut behaupten; diese ungleichen Schauspieler zeigen eine tolle Teamfähigkeit, zusammen funktionieren sie ohne große Schwierigkeiten als Sympathieträger.
Ein weiterer Wiederholungs-Täter macht sich auch auf dem Komponistenstuhl breit: Harry Gregson-Williams heizt abermals mit seinem Blockbuster-Sound richtig ein und puscht die schnelle Action nochmals an.
Fazit:
Nach dem recht schwachen "Pelham 1-2-3"-Remake zeigt sich Bildvirtuose Tony Scott wieder in Bestform. Technisch ist sein "Unstoppable" ein Lehrstück in Sachen Action-Kino. Mitreissend, pfeilschnell, wuchtig. Mit 90 Minuten netto sehr kurzweilig und ohne einen einzigen Hänger. Bei seiner Darstellerwahl zeigt er ein ebenso gutes Händchen, und zur Beruhigung des Publikums sei gesagt, dass kein Augenkrampf zu befürchten ist, da Scott von seiner berüchtigten Schnell-Schnitt-Fertigkeit wohltuend ablässt. Augenkrebsgefahr somit gleich Null *g*