Die gelungene Illusion
Paul Davies: Die Unsterblichkeit der Zeit (Scherz, München 1995, 349 Seiten, 49,80 DM)
Zeit können wir inzwischen ziemlich genau messen, bis auf die Millionstelsekunde. Zwar behauptet Chris Griscom, Zeit sei eine Illusion, aber diese Illusion funktioniert sehr gut: Wir gehen täglich mit ihr um, und meistens haben wir davon zu wenig. Doch was wissen wir über sie? Paul Davies, einem australischen Physikprofessor, ist es gelungen, das Phänomen "Zeit" auf solch fesselnde, verständliche und fundierte Weise darzulegen, daß die wissenschaftlichen Vorstellungen über die Zeit auch für Physik-Laien zu faszinierenden Denkanstößen werden. Schon bei der Frage, ob und wann die Zeit jemals angefangen hat und aufhören wird, klopft die Wissenschaft bei der Mystik an. Können wir unseren Uhren trauen? Die Relativitätstheorie zeigt, daß Zeit flexibel ist; in der Nähe der Lichtgeschwindigkeit dehnt sie sich im Vergleich zu jener, die auf langsameren Objekten herrscht. Demnach gibt es tatsächlich verschiedene, geschwindigkeitsabhänge Zeiten, was wir nur nicht wahrnehmen, weil wir so weit von der Lichtgeschwindigkeit entfernt sind. Das ist schwer vorstellbar, besonders, wenn dazukommt, daß der Raum mit zunehmender Geschwindigkeit schrumpft und das Ganze auch noch von der Schwerkraft beeinflußt wird. Hier gibt die Erforschung und Berechnung der "Schwarzen Löcher" im All näheren Aufschluß. Zeit und Raum sind also relativ. Deshalb läßt sich auch der Ursprung des Universums nicht bestimmen, und vielleicht hat der englische Bischof James Ussher (1611) recht, den Davies mit der kühnen Behauptung zitiert: "Der Beginn der Zeit fiel auf den Beginn der Nacht, die dem 23. Tag des Oktobers im Jahre 4004 v. Chr. vorausging." So genau werden wir es aber vermutlich nie wissen. Hans-Curt Flemming