Nach all diesen positiven Rezensionen hatte ich eigentlich gedacht, mit dem Buch nichts falsch machen zu können. Hm. So kann man sich irren. Ich wurde schwer enttäuscht. Dieses Buch liest sich wie ein völlig verhauenes Kochrezept: Die Zutaten sind da, nur die Köchin hat keine Ahnung, wie sie sie mischen soll, und als sie es dann tut, gibt es von allem zu viel und zu wenig. Und besonders zu wenig gibt es Logik. Das beginnt schon auf den ersten Seiten. Das kleine Mädchen, welches zu dem Zeitpunkt noch sehen kann, wird von ihrer bösen, bösen Mutter beim Lauschen ertappt und dann... ja, was eigentlich? Die böse, böse Mutter wirft ein Pulver in eine Flüssigkeit, taucht den Kopf des Kindes hinein und zack! Die Kleine ist blind.
Jetzt denkt der geneigte Leser, aha - hat sie wohl Säure benutzt. Weit gefehlt. Denn das Mädchen ist nämlich keineswegs entstellt. Sie hat keine Riesennarben im Gesicht oder aufgeworfenes Fleisch, wie das so üblich wäre bei Säure. Doch na ja, der geneigte Leser möchte ja kein Spielverderber sein. Er zuckt mit den Schultern und akzeptiert es erst mal so, wie es beschrieben wurde. Kann ja eigentlich nur besser werden, oder? Doch es geht weiter. Um dem Mädchen - Violet - eine noch dramatischere Hintergrundgeschichte zu verpassen, muss man sie wegen der bösen, bösen Mutter fliehen lassen und ihr ein entsetzliches Kinderschicksal andichten. Nicht genug damit, dass sie blind ist, nein, sie muss als kleine Siebenjährige in einem Wirtshaus arbeiten, wo sie sich die Finger wundschält mit Kartoffeln. Ach, die arme Kleine.
Zum Glück trifft sie endlich auf Zigeuner, die sie aufnehmen. Die weise Frau der Zigeuner unterrichtet sie, wie sie mit ihrer Blindheit umgehen kann - ist nämlich ganz einfach, kann man jeden Blinden fragen. Man muss nur seine Nase benutzen. Einmal geschnüffelt, jeden Geruch erkannt, jawohl. Sie kann sich also alles mit ihrer Nase erschnüffeln, unsere Kleine, und ganz en passant wird sie noch eine begnadete Geigenspielerin, bei der alle dahinschmelzen, wenn sie ihr Spiel hören.
Natürlich hat Violet auch ein Ziel im Leben: Sie will den Mörder ihres Vaters finden und töten. Und ihre böse, böse Mutter hat ihr sogar den Namen des Mörders genannt. Ismael. Spätestens an der Stelle (so aus Seite 10 oder so) runzelte der geneigte Leser die Stirn und fragte sich, warum ein Mädchen, welches von ihrer Mutter so schlecht behandelt wurde, ihr glauben sollte, dass der Mörder ihres Vaters irgendein exotischer Typ sein sollte. Oder warum sie überhaupt glauben sollte, dass ihr Vater ermordet wurde. Oder warum sie sich nicht zu ihrer Mutter begeben möchte und sie umbringt, wenn sie schon so mordlüstern ist. Überhaupt ist das etwas an dem Buch, das der nicht mehr ganz so geneigte Leser pädagogisch als nicht unbedingt wertvoll ansieht: Das Bedürfnis der Protagonistin, einen Mord begehen zu wollen. Vor allem aus solch seltsamen Gründen. Ohne Hintergrundwissen, ohne überhaupt irgendwelche Informationen.
Nun kommt so eine Vampirgeschichte nur schwerlich ohne Vampir aus. In diesem Fall ist das Patrick, ein Vampir, der soeben der Boss eines Clans wurde. (An dieser Stelle möchte ich nur bemerken, dass ich selten eine so lächerliche und langweilige Kampfszene gelesen habe wie bei Patricks Clanführerwerdung. Kampfszenen allgemein liegen der Autorin fast noch weniger als Logik allgemein, und unter uns: Das soll schon was heißen.
Wie auch immer. Violet verlässt die Zigeuner, um sich einem Zirkus anzuschließen, der sie nach London bringt, denn dort soll Ismael wohnen. (Auch so eine Info, die mal einfach so eingeworfen wurde.) In London begeistert sie gleich mal die Massen für sich mit ihrem tollen Geigenspiel; unter den Massen sind auch ein paar Vampire - die Bluttrinker -, die sie mit ihrer feinen Nase auch sofort erschnüffelt hat. Komisch nur, dass sie mit dieser feinen Nase nicht sofort auch Patrick erkennt, dem sie sich nach einer ziemmlich lächerlichen gefährlichen Szene sofort an den Hals wirft. Na, vielleicht ist ihr Geruchssinn in ihr südliches Gehirn gerutscht. Soll ja eigentlich nur bei Männern so extrem vorkommen, aber Violet benimmt sich bei Patrick wie eine läufige Hündin, obwohl sich später herausstellt, dass sie Jungfrau ist.
Ungefähr 30 Seiten später ist es wohl auch der Autorin aufgefallen, dass da was extrem unlogisch ist, und sie lässt Violet sich fragen, warum sie bei ihm den Vampir nicht gerochen hat. Falls der mittlerweile weniger geneigte Leser sich dasselbe fragt, muss er nicht mit einer befriedigenden Antwort rechnen. Er bekommt nämlich keine. Ach, ist auch egal, Logik wird ohnehin überbewertet. Lassen wir die Protas lieber ein paarmal ins Bett hüpfen, ist doch ohnehin das, was die meisten lesen wollen, oder? Zwischen den Betteskapaden befreundet sich Violet noch mal nebenbei mit der Auserwählten und ihrem Bruder und begeistert noch fix die gehobene Londoner Gesellschaft. Und endlich, endlich trifft sie auf Ismael.
Dumm nur, dass der auch noch der beste Freund von Patrick ist. Na, macht ja nichts. Klar, sie mag Patrick. Immerhin ist er reich und gibt ihr alles, was sie will, lässt sie bei sich wohnen und erweist sich als toller Gönner mit einem tollen Körper und einem tollen Sexleben. (Sorry, von Romanze ist an dieser Stelle nicht zu reden, denn es geht wirklich nur um das Eine, und dass Patrick sie bei sich wohnen lässt, ist keineswegs mit Liebe zu erklären. Es wird zwar gelegentlich darauf hingedeutet, aber mehr als Besitzerstolz und Geilheit lässt sich nicht erkennen.) Wie auch immer, sie muss jetzt endlich mal den bösen, bösen Mörder ihres Vaters töten. Als sie dabei ist, sich zu überlegen, wie sie das am dümmsten anstellt, stolpert sie über einen vampirischen Verschwörer.
Es ist nämlich so: Diese Vampire hier sind Kuschelvampire. Sie glitzern nicht in der Sonne, aber sie futtern nur Tiere, bzw. trinken deren Blut. Sie wollen den Menschen nämlich nicht wehtun. Das ist nämlich böse, böse. Aber wie in jeder guten (*hust*) Geschichte muss es auch einen Bösewicht geben, der damit nicht einverstanden ist. Und über den stolpert Violet. Dieser echt toooooooooootaaaaaaaaaal fiese Kerl verspricht ihr, ihr Ismael zu schicken, während sie bereits ihr Messer wetzt, doch was macht er? Schickt stattdessen Patrick. Sie - als legendäre blinde Messerwerferin weltberühmt -, attackiert Patrick und erkennt erst, als der unten liegt und halbtot ist, dass es nicht ihr eigentliches Opfer ist. Sie wird von den anderen Vampiren festgenommen, sagt, dass sie eigentlich gar nicht Patrick treffen wollte, sondern Ismael, sagt aber nicht, warum sie den eigentlich einen Kopf kürzer machen wollte. *seufz* Tut weh, das alles, oder? Genauso konfus läuft es nämlich ab. Und auch fast mit dieser einfachen Sechstklässlersprache.
Leider ist es damit immer noch nicht vorbei. Patrick liebt sie nämlich trotzdem, und obwohl sie ihn beinahe getötet hat und auf seinen besten Freund losgehen wollte, verzeiht er ihr und - ja, der überhaupt nicht mehr geneigte Leser kann es sich denken: verschwindet mit ihr im Bett, um ihr "seine Liebe zu beweisen". Steht da so wortwörtlich. Autschn.
Na ja, zum Schluss muss es natürlich zu einem spannenden (*gähn*) Showdown kommen. Violet stellt sich mal wieder saublöd an, wird von den Verschwörern gefangen genommen und soll zusammen mit Ismael (der, man höre und staune, überhaupt nicht der Mörder ihres Vaters ist!) geopfert werden. Patrick kommt, räumt heldenhaft auf und rettet die beiden. Und damit dem Ganzen die Krone aufgesetzt wird, gibt er ihr zum Schluss mal ein bisschen Blut zu trinken und voilá: Sie kann sehen! Das stellt Patrick ja schon fast auf eine Stufe mit dem Messias, toll!
Fazit: Wen Logiklöcher so groß wie das schwarze Loch und einfache Sprache nicht stören, der wird wohl kein Problem mit dem Buch haben. Für alle anderen gilt: Hände weg - gegen dieses Buch ist Twilight noch ein Meisterwerk.