Mit der Wirklichkeit ist es wie mit der Wahrheit: Von jedem glaubt der Einzelne ein gesundes Maß zu verstehen - schließlich hat er ja sein ganzes bisheriges Leben Erfahrung damit. Bei kritischer Betrachtung stellt sich aber stets heraus, wie dünn das Eis des eigenen Weltbilds tatsächlich ist, und dass weder die Wirklichkeit noch die Wahrheit absolute Dinge sind, weil sie nahezu vollständig abhängen von der Wahrnehmung und dem Standpunkt ihres Betrachters. Dass es dennoch so etwas wie ein kleinstes gemeinsames Vielfaches an Realität zu geben scheint, funktioniert vor allem nach dem Prinzip „eine Million Fliegen können nicht irren". Man kann nun mal nicht einfach durch Betonwände gehen, zumindest nicht nach allen Erfahrungen, die Menschen bisher gemacht haben. Es gibt also eine Welt da draußen, aber ihr Bild ist niemals absolut.
Das ist eine der Kernthesen von Watzlwick - und lustigerweise lässt sich seine These ganz hervorragend auf die Rezension seines eigenen Büchleins anwenden: Wie es der Einzelne wahrnimmt, hängt völlig vom persönlichen Hintergrund ab, seinem Horizont und der Erwartungshaltung. Unweigerlich wird es passieren, dass die gedruckten Vorträge dem einen bei weitem zu unvollständig, zu unwissenschaftlich und zu sprunghaft erscheinen, geradezu zusammenhanglos. Einen anderen wird das nicht weiter stören, weil er Watzlawick bereits kennt, und es wird ihm großes Vergnügen bereiten, das Büchlein als leicht konsumierbare Wiederholung wichtiger Gedanken zu lesen. Ein Dritter wird weder Watzlawick noch seine konstruktivistischen Thesen kennen, die Ansätze aber so interessant finden, dass er beginnt, sich in die Thematik einzulesen. Natürlich haben alle Recht. Leser, die aufgrund ihrer Weltanschauung oder ihres Glaubens nicht akzeptieren können, dass es vermutlich keine absolute Wahrheit gibt, werden das Buch wiederum ganz anders wahrnehmen: Für sie ist Watzlawick eine Zumutung, etwas, das man nur verurteilen und nicht ernst nehmen darf, weil es die eigenen Überzeugungen in Frage stellt.
Damit wären wir nun an dem Punkt, der die absolute Freiheit konstruktivistischer Haltungen mitunter schwierig macht, sogar zur Last werden lässt: Kein Mensch möchte ein diplomatisches "kommt drauf an" hören auf die Frage, ob die paar Euro für das Buch denn nun gut investiertes oder rausgeworfenes Geld sind. Der Leser möchte eine Empfehlung, Orientierung, eine Meinung. Also: Wer keine vollständige wissenschaftliche Abhandlung erwartet und frei genug im Kopf ist, um sich auf jede Art von Denkrichtung einlassen zu können, findet hier ein vergnügliches Sammelsurium exzellenter Gedanken. Und die sind ihr Geld allemal wert. Selbst wenn sie etwas unsortiert rüberkommen.