Eins muß man Frau Praschl-Bichler lassen: unterhaltsam schreiben kann sie. Ihre Bücher sind immer wieder flott geschrieben, so daß man sie angenehm in 1-2 Tagen durchlesen kann, ohne daß große Langeweile aufkommt oder es allzu trocken wird.
Nun also "Unsere liebe Sisi - Die Wahrheit über Erzherzogin Sophie und Kaiserin Elisabeth". Oho, die ganze Wahrheit, da möchte man erst erfurchtsvoll erstarren, um dann beim Lesen doch immer wieder mit dem Kopf zu schütteln. Wer ein Sachbuch zum Thema Kaiserin Elisabeth vs. Erzherzogin Sophie erwartet, wird schon nach den ersten Seiten erkennen, daß dem nicht so ist. Sachbücher sind sachlich geschrieben (oder sollten es zumindest sein), historische Bücher sollten sich zudem immer bemühen, möglichst viele Seiten eines Themas gleichberechtigt zu bewerten und zwar aufgrund der Quellenlage und nicht aufgrund persönlicher Sympathien. (Das lernt man bereits im ersten Semester Geschichte an jeder Uni.) Und gerade das gelingt Frau Praschl-Bichler nicht.
Die Autorin stellt sich gleich zu Beginn auf eine Seite (die der Erzherzogin) und versteht dieses Buch als Rechtfertigung der in zahlreichen Büchern (und Filmen) so negativ dargestellten Erzherzogin Sophie. Einige Thesen, die sie aufstellt, sind gar abenteuerlich, z.B. die Erzherzogin habe keinerlei politischen Einfluss auf den Kaiser ausgeübt. Nun, vielleicht nicht direkt -wovon Frau Praschl-Bichler wohl ausgeht- aber doch vielmehr indirekt. Warum sollte eine Frau wie Erzherzogin Sophie, die mit den einflußreichsten Männern ihrer Zeit (Metternich etc.) in Kontakt stand, nicht auch ihren Sohn politisch beeinflusst haben? Des weiteren ist es bedenklich, daß Frau Praschl-Bichler als einzige Quelle auf die Briefe der Erzherzogin zurückgreift. Die sind zwar mitunter rührend zu lesen, aber wenn ich die Wahrheit über etwas veröffentlichen will, zumal über einen Konflikt zwischen zwei so konträren Persönlichkeiten wie Kaiserin Elisabeth und Erzherzogin Sophie, dann sollte ich auch die andere Seite (nämlich die Kaiserin) zu Wort kommen lassen. Vielleicht war sie keine allzu fleißige Briefeschreiberin wie ihre Schwiegermutter, aber es gibt dieses Material, wenn vielleicht auch nicht in der Menge, in der Sophie ihre Briefe geschrieben hat.
Zwar entsteht durch das Lesen von Sophies Briefen auch ein anderes Bild, als das, was man bislang so kannte, die "böse Schwiegermutter" erscheint hier als rührende Matriarchin, deren einzige Sorge das Wohlergehen ihrer Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder zu sein scheint. Aber es ist nunmal ein einseitiges Bild, das den Leser letztlich etwas verwirrt zurücklässt. In Wahrheit war Sophie wahrscheinlich weder die "eiserne Lady", noch die alle über alle Maßen liebende Mutter des Kaisers. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, ebenso wenig war Kaiserin Elisabeth weder das arme Hascherl, noch die Rabenmutter, als die sie oft dargestellt wird.
Frau Praschl-Bichler beleuchtet also nur Sophies Seite und das mit einer Vehemenz, die manchmal an eine Klageschrift erinnert, so, als würde sie dem Leser am Kragen packen, ihn schütteln und ihm immer wieder zurufen: "So war's und nicht anders!" (Das kann dann schonmal leichtes Kopfweh verursachen, zumal ein derartig emotionaler Stil -wie bereits oben erwähnt- nicht wirklich in ein Sachbuch gehört.)
Ebenfalls Kopfschmerzen hat bei mir das Format dieses Buches verursacht. Warum sind die Briefe allesamt kursiv geschrieben? Warum hat man sie nicht eingerückt in den normalen Text eingeführt? Warum stoplert man alle paar Seiten über eine Stammtafel, wenn so etwas wesentlich besser im Anhang aufgehoben wäre? Warum hat die Autorin die Erläuterungen zu einzelnen Persönlichkeiten direkt in die kursiven Brieftexte (gerade gedruckt) eingenbaut, anstatt auf Fußnoten am Ende einer Seite zurückzugreifen? Dieser Wechsel von kursiv zu gerade stört den Lesefluß erheblich. Und warum listet sie am Ende jede Habsburger-Residenz auf, obwohl dies weder zum Verständnis der Briefe noch des sonstigen Textes wirklich von Bedeutung ist? (Zumal jeder Sisi-Kenner diese Residenzen kennt und für Sisi-Laien dieses Buch am Anfang doch eher uninteressant sein dürfte?)
Auch die Auswahl der Briefe ist kritisch zu bewerten, vor allem, da Frau Praschl-Bichler selber zugibt, nur die unterhaltsamsten ausgewählt zu haben. Das verzerrt natürlich den Blick und so kommt es einem vor, als seien die Habsburger eine einzige selige Familie gewesen, in der jeder den anderen liebhatte und deren Mitglieder nichts anderes zu tun hatten, als sich für die Armen einzusetzen und nett zueinander zu sein. Da taucht dann in der Ferne das Bild einer österreichischen Monarchie auf, wie man sie aus den "Sissi"-Filmen kennt und das ist dann wirklich "unsere liebe Sissi", allerdings mit zwei "s" geschrieben.