Einst hatte Franz Werfel den Roman "Das Lied der Bernadette" geschrieben, die Geschichte der kleinen Soubirous, der in Lourdes die Muttergottes erschienen ist; eine Art persönliches und ergreifendes Bekenntnis, das der Autor sozusagen mit Herzblut geschrieben hat.
Auch David Guterson, ein amerikanischer Autor, der sich mit dem Roman "Schnee, der auf Zedern fällt" einen Namen gemacht hat, singt sein "Lied der Bernadette", nur sind Melodie und Text völlig verschieden vom großen Werfel-Roman. Während Werfel das religiöse Moment dieser Marienerscheinung in Lourdes besonders herausstellt, ist Gutersons "Unsere Liebe Frau vom Wald" nach seiner eigenen Aussage eher ein Roman über das Weibliche, ein Buch, das sehr stark von der Gnosis bestimmt ist, ein Buch über den Fundamentalismus und über den bankrotten Kapitalismus.
"Ich wollte erkunden, was passieren würde, wenn Bernadette von Lourdes im Amerika von heute auftreten würde, und es schien mir, als würde sie tatsächlich eine unterernährte, ungewaschene Rotznase sein", so David Guterson über seinen Roman. Und in der Tat: Ann Holmes ist sechzehn Jahre alr und hat die dunklen Seiten des Lebens bereits kennengelernt. Sie ist eine labile Außenseiterin, der wie aus heiterem Himmel in einer gottverlassenen Gegend Amerikas die Jungfrau Maria erscheint. Statt wie bisher Pilze zu sammeln, wird sie künftig Botschaften der Gottesmutter einer willigen zur Massenpsychose neigenden Anhängerschaft verkünden. Assistiert von einem Alt-Hippie, einer alkoholkranken Barfrau, einer eifernden Katholikin und der Mutter eines vermissten Mädchens. Ein skeptischer Priester kommt ob dieses Mädchens in Zölibatsbedrängnisse, und ein ehemaliger Holzfäller will die Heilung seines gelähmten Sohnes erzwingen. So sind sie alle auf der Suche nach persönlichem Heil, nach Erlösung, nach schnellem Geld und irgendwelchen Wundern.
Ohne jeglichen religiösen Hintergrund, ungebildet und naiv reagiert Ann erst verschüchtert, dann fast gleichgültig, später bedrängt auf das, was ihr geschah. Sie wird zu einer Heiligen, einer modernen Jeanne d'Arc für alle die, die sich vom Schicksal verstoßen und vergessen fühlen, füe alle, die einen tieferen Sinn in ihrem Leben suchen, und zu einem willigen Werkzeug jedweder Manipulation. Sie verkörpert die Sehnsucht nach einer besseren Welt, die von hier ihren Ausgang nehmen soll.
David Guterson gelingen einige hervorragende Charakterstudien. So wie die der völlig vom Leben desilllusionierten Catherine, die sich zur "Managerin" von Ann aufschwingt. So auch die des Holzfällers Tom mit seiner ganz eigenen schuldbeladenen Geschichte. Dagegen bleiben andere Figuren bläßlich und ohne sonderliche Kontur, so als seien sie nur Staffage. Auch die theologische, geistige und gesellschaftspolitische Auseindersetzung mit dem Phänomen bleibt oberflächlich, im religiösen Bereich wirkt sie fast nur zynisch. Und Ann, so wie sie geschildert ist, taugt weder als Beweis für die Heiligkeit der Frauen noch als Beleg für die Frauenunterdrückung. Was bleibt, ist eine flotte Story über eine alte Geschichte in einem neuen Gewand und in neuen Kontext, die jedoch keineswegs überzeugt.