- Gebundene Ausgabe: 479 Seiten
- Verlag: Aufbau-Verlag (1999)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3351028598
- ISBN-13: 978-3351028596
- Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 13,6 x 4,4 cm
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Produktinformation
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Ein kubanisches Fresko von Jorge C. Oliva Espinosa
«Ich kann nicht aufhören, mich zu erinnern», sagt Joaquín Ortega, die Hauptfigur im Roman «Unsere Zeit zu leben». Man geht fehl in der Annahme, dass der Satz auch den Autor meint, der mit seinem Helden die Initialen teilt. Der Name des Verfassers, Jorge C. Oliva Espinosa, ist allerdings ein Pseudonym, hinter dem sich ein Kubaner englischer Herkunft namens Douglas Rudd verbirgt. Der 1932 geborene Rudd beteiligte sich in den fünfziger Jahren am Aufstand gegen den Diktator Fulgencio Batista, 1961 kämpfte er in der Schweinebucht gegen exilkubanische Invasoren und wurde dafür mit dem Orden eines Nationalen Helden ausgezeichnet. Später bildete der hochdekorierte Militärpilot Flieger des Vietcong aus. Nach seiner Rückkehr aus Vietnam überwarf sich Rudd mit der kubanischen Nomenklatura und wurde aus der Luftwaffe entlassen. 1990 brachten ihn regimekritische Äusserungen ins Gefängnis, im folgenden Jahr wurde er entlassen. Rudd emigrierte in die USA, wo er 1992 starb. Sein umfangreicher Roman «Unsere Zeit zu leben», der knapp ein halbes Jahrhundert kubanischer Vergangenheit abdeckt, ist 1998 in Spanien im Original erschienen. Als Rudds Sohn 1999 Kuba verliess, konnte das Pseudonym gelüftet werden.
«Unsere Zeit zu leben» gehört zur stetig wachsenden Zahl jener Romane und Erzählungen, die ein überwiegend negatives Bild der Revolution zeichnen. «In meinem Garten grasen die Helden» (1981) von Heberto Padilla ist ein frühes Beispiel dieser Untergattung der kubanischen Literatur. Beträchtliches Aufsehen erregt haben neben den Romanen «Die Initialen der Erde» (1987) und «Die verlorenen Worte» (1992) von Jesús Díaz auch «Das tägliche Nichts» (1995) der damals blutjungen Zoé Valdés. Eliseo Albertos «Bericht gegen mich selbst» (1996) zeichnet sich durch Scharfsinn und wohltuenden Verzicht auf Polemik und Larmoyanz aus.
Diese Bücher wie nun auch «Unsere Zeit zu leben» sind Zeugnisse von Enttäuschten. Díaz wie Valdés, Alberto wie Oliva Espinosa waren einst Castro-Getreue, nicht selten in privilegierter Position. Der Gang der Ereignisse, insbesondere die «Spezialperiode», als nach 1989 die Milliardensubventionen der einstigen Sowjetunion versiegten und die Schwächen des kubanischen Modells immer deutlicher zutage traten, haben diesen Schriftstellern die letzten Hoffnungen auf eine Wende zum Besseren genommen.
Espinosas Protagonist gehört in den fünfziger Jahren zu den studentischen Terrorkommandos. Nach dem Triumph der Revolution wird Joaquín Ortega Ingenieur, später Dozent an der Universität von Havanna. Er ist einer der zahllosen Begeisterten, die 1959 bei Castros Machtübernahme ein goldenes Zeitalter für Kuba heraufziehen sehen. Er vertraut nicht so sehr der Ideologie als dem Charisma des Máximo Líder. Die hochtrabenden Parolen der Parteiführung nimmt er lange für bare Münze, die Arroganz der Macht rechtfertigt er mit ihrem proklamierten Einsatz für das Gemeinwohl.
Ortegas Zuversicht wird erst erschüttert, als er erkennen muss, dass die Durchhaltelosungen, die dem darbenden Volk verabreicht werden, und der feudale Lebensstil der Parteibonzen und ihres Anhangs sich immer mehr auseinanderbewegen und dass Korruption und Massenarmut, Inkompetenz und Kriminalisierung jeder abweichenden Meinung überhandnehmen. Ortega geht weder in Opposition, noch emigriert er (im Gegensatz zum Autor); seine Reaktion ist der Rückzug ins Private. Mehr bleibt nicht von seinem gutgläubigen Streben nach einer besseren Gesellschaftsordnung und dem «neuen Menschen», den Che Guevara verkündete. Der Bitterkeit entkommt Ortega durch die Liebe.
Das Buch ist im Präsens und in der Ich-Form gehalten, wobei Ortegas Monolog mit denjenigen seiner Freunde alterniert. Das schafft Unmittelbarkeit, aber auch eine gewisse Schwerfälligkeit. Um die Sprunghaftigkeit des Erinnerungsprozesses zu verdeutlichen, verzichtet der Autor auf chronologisches Erzählen. Immerhin ermöglichen Jahreszahlen eine zeitliche Orientierung. Doch nicht jeder Leser ist mit Eckdaten und Schlüsselereignissen der jüngeren kubanischen Geschichte vertraut, da hätte der Verlag mit Anmerkungen und Erläuterungen hilfreich eingreifen können. «Unsere Zeit zu leben» hat reportagemässige Züge und liest sich streckenweise ebenso als Zeitdokument und Memoirenwerk wie als Fiktion. Der fiktionale Aspekt kommt insbesondere in jenen Passagen zum Tragen, in denen der Autor den Widerhall der öffentlichen Ereignisse im Innenleben seiner Figuren zeigt. Es ist diese gefühlsmässige Wirklichkeit, das Eintauchen in fremdes Bewusstsein, die dem Buch den imaginativen Raum verleihen, der einen Roman ausmacht.
Georg Sütterlin
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