Der Titel "UNSERE Umgangsformen" sagt deutlich, daß die Umgangsformen der Schicht gemeint sind, aus der die beiden AUtorinnen stammen.
Das Ganze ist also ein Einblick in die Sitten europäischer Adliger, und
Otto Normalverbraucher kann selbst entscheiden, ob er sich dafür interessiert, er etwas davon übernehmen will oder nicht (die Autorinnen schreiben ausdrücklich, daß sie allerhöchstens beraten wollen, mehr nicht).
Vieles ist für einen Durchschnittsmenschen gar nicht machbar, da er sich
kein Hauspersonal leisten kann und es sehr unwahrscheinlich ist, daß er dem Papst oder anderen prominenten Zeitgenossen jemals begegnet.
Und ob der Durchschnittsbürger es sich finanziell leisten kann, defekte Ware nicht zu reklamieren, sondern anstandslos zu bezahlen, ist eine Frage des Geldbeutels.
Aber das ist nicht die Schuld der beiden Autorinnen - sie schildern halt das Leben in IHRER Welt, in der Begegnungen mit Prominenten zum Alltag gehören und man ein kaputtes Auto unter "PEanuts" verbuchen kann. Ab und zu finde ist es auch mal ganz nett, über das Leben der Reichen und Schönen zu lesen.:)
Ich kritisiere also ausdrücklich NICHT die Herkunft der beiden Damen, die kann man ihnen nicht vorwerfen - und wenn man sich freiwillig ein Buch kauft, in dem es ausdrücklich um die Sitten des Adels geht, sollte man sich Sticheleien gegen diese Schicht fairerweise verkneifen.
Ob allerdings Gloria von Thurn und Taxis mit ihren dummen Sprüchen über "schnackselnde" Afrikaner immer den richtigen Ton trifft, wage ich zu bezweifeln - und wie Alessandra Borghese ihren glühenden Katholizismus mit ihrer Scheidung vereinbart, leuchtet mir auch nicht ganz ein... Aber wie zitieren die beiden so treffend: "Quod licet Jovi, non licet Bovi", und ungerecht finden sie diese "Regel" auch nicht. Tja, ob gerecht oder ungerecht - es ist auf jeden Fall eine Realität und eine Binsenweisheit
- der Chef darf zu spät kommen, der kleine ANgestellte nicht - so ist das Leben, gewisse Leute sind eben "gleicher", und man erspart sich eine Menge Streß, wenn man das akzeptiert und sich nicht darüber aufregt.
Und auch der Papst scheint beim Hochadel gern ein Auge zuzudrücken, wie könnte er sonst eine geschiedene Frau empfangen?!
Leider gibt es an dem Buch trotzdem eine ganze Menge zu kritisieren.
Zu den Dingen, die man nach Meinung der Autorinnen bis zum 30. Geburtstag ruhig mal ausprobieren darf, gehört z. B. Rauschgift! Das kann ja wohl nicht ihr Ernst sein - Drogen sollte man auch mit unter 30 nicht nehmen, und wenn man Wert auf Kindererziehung legt (was die beiden Autorinnen ja ausdrücklich tun), gehört die Aufklärung über die Gefahr von Drogen unbedingt dazu (wieviel Warnungen letztlich bewirken, steht natürlich auf einem anderen Blatt).
Ein Nachteil sind die potthäßlichen, unfreiwillig komischen Schwarzweißfotos - Fürstin Gloria in unvorteilhafter Pose mit aufgesperrtem Mund (zum Glück nur von der Seite), die beiden Autorinnen mit albernen Sonnenbrillen und peinliche Familienbilder aus irgendeinem vergangenen Jahrzehnt. Reichlich entlarvend fand ich das Foto eines Priesters, der sich mit gelangweilter Miene eine Beichte anhört, während weitere reuige Sünder schon Schlange stehen. Es drängt sich der Eindruck auf, daß Gläubige abgefertigt werden wie am Fließband - welchen Wert haben Beichte und Absolution da noch?
Das eigentliche Ärgernis, das das Niveau des Buches nach unten zieht, sind aber die vielen Platitüden, die das Buch enthält, wie z. B.: "Liebe ist ein ehrliches und tiefempfundenes Gefühl, das aus dem Herzen kommt. (...) Unglücklich ist, wessen Liebe nicht erwidert wird. Hier entstehen Leere, Trauer und Einsamkeit (...)." Na so was, das wußte ich ja vorher noch gar nicht! Oder: "Wer nicht ißt, bis ihm das Essen bis zum Hals steht (...), wer weitgehend auf fettes Essen verzichtet, viel Obst und Gemüse statt Brot, Nudeln und Wurst ißt, der braucht keine Diäten." Dieser Hinweis ist nicht nur platt, sondern obendrein falsch - jedenfalls in dieser vereinfachten Form.
Aber viele der Ratschläge sind wirklich gut, z. B. der, auf einer Party nicht über Politik oder Religion zu reden, weil es dabei unweigerlich Krach gibt, oder die Frage "Wie geht's?" als das zu sehen, was sie ist - eine völlig nichtssagende Floskel, die man mit einem ebenso nichtssagenden "Danke, gut" beantworten sollte, statt einen Monolog über die eigenen Wehwehchen zu beginnen. Sehr angebracht fand ich auch die Kritik am Schlechtmachen und der Gewohnheit mancher Leute, auf alles, was ihnen jemand erzählt, eine negative Bemerkung zu machen: "Viele Leute verwechseln diese Marotte (...) mit Lässigkeit oder gar Charme." Wie wahr, davon kenne ich auch jede Menge. Auch die Tips zum "Understatement" finde ich sympathisch - "Haus" zu sagen, wenn man in einem Schloß wohnt, "Erkältung" statt Lungenentzündung usw.
Der Grundtenor des Buches ist: Zurückhaltung, Bescheidenheit, Unaufdringlichkeit, nach oben und nach unten, und da ich diese Forderung richtig finde, gebe ich nach langer Überlegung gerade noch drei Sterne.